Wolfgang Rüppel

Horst Rüppel, Denkmal zur Erinnerung an den Aufstand des siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig
Wolfgang Rüppel, Denkmal zur Erinnerung an den Aufstand des
siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig
© Hans Pieler

Der Blick schweift, sucht im Verschwommenen Halt an einzelnen Gesichtern, nur um erfahren zu müssen, dass auch deren Züge sich ihm nicht detailliert erschließen. Hin und her irrt er durch das Grün-Schwarz des Bildes, lotet Tiefe aus, schwimmt an der Oberfläche. Rüppel hat mit seinem Denkmal keine Dokumentation geschaffen, sondern ein historisches Ereignis interpretiert – und einen Assoziationshof eröffnet.

Das Bodenbild auf dem Vorplatz des Rohwedder-Hauses, Leipziger Straße/ Wilhelmstraße befindet sich auf historisch schwierigem Gelände – wie auch das Bundesministerium der Finanzen, das hier seinen Standort hat. Gleich zwei Diktaturen haben hier ihre Spuren hinterlassen: Während der NS-Zeit entstand auf diesem Gelände der monumentale Neubau des Architekten Ernst Sagebiels, der Sitz des Reichsluftfahrtministeriums Hermann Görings. Im Festsaal des Gebäudes verkündet SED-Mitbegründer Wilhelm Pieck (1876–1960) am 7. Oktober 1949 die Gründung der DDR, die Gelände und Gebäude als Haus der Ministerien nutzte.

Die Wandelhalle zur Leipziger Straße schmückte zu Zeiten Görings ein die Deutsche Wehrmacht glorifizierendes 25 Meter langes Steinrelief „Fahnenkompanie“ des Bildhauer Arnold Waldschmidt. Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde es ebenso wie Reichsadler und NS-Hoheitszeichen im Zuge der Entnazifizierung des Gebäudes entfernt. An seine Stelle platzierte die DDR das Wandmosaik von Ernst Linger, dessen umständlicher Titel „Die Bedeutung des Friedens für die kulturelle Entwicklung der Menschheit und die Notwendigkeit des kämpferischen Einsatzes für ihn“ schon all die Propaganda in sich trägt, die es zeigt.

Wolfgang Rüppel (*1942) konterkariert mit seinem „Denkmal für die Ereignisse des siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig“ das Kachelmosaik Max Lingers sowohl inhaltlich als auch formal. So zitiert sein 24 Meter langes und drei Meter breites hinterleuchtetes Glasbild zwar die Abmessungen des eingelassenen Mosaikbildes Lingners, platziert es jedoch parallel dazu horizontal in die Fläche des Platzes selbst.

Ausgangsmaterial für das Glasbild Rüppels ist ein Schwarz-Weiß-Foto einer Demonstration am 17. Juni 1953. Digital stark bearbeitet und gerastert wird das umgestaltete Foto auf zwei Glasflächen aufgetragen: einmal farbig im Siebdruckverfahren, einmal mattiert gedruckt. Diese beiden Glasflächen überlagern sich so, dass durch den Abstand zwischen ihnen keine Bildschärfe entsteht, das Bild erscheint diffus. Rüppel baut mittels dieses visuellen Effektes „eine Spannung zwischen dem Abbild und dem Verschwinden des Abbildlichen“ (Dr. Pia Müller-Tamm* 2000) auf, löst das Abgebildete tendenziell auf.

Horst Rüppel, Denkmal zur Erinnerung an den Aufstand des siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig
Wolfgang Rüppel, Denkmal zur Erinnerung an den Aufstand des
siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig
© Hans Pieler

Der 2000 neu gestaltete Vorplatz aus Serpentin nach dem Entwurf von Ute Piroeth und Wolfgang Rüppel (Ausführung Ute Piroeth) öffnet Blickachsen zwischen diesen beiden so verschiedenartigen Bildern. Vertikal verlaufende Streifen aus Dorfer Grün zitieren die Säulen der Wandelhalle und führen ihre Achsen in der Horizontale über den Platz – schaffen eine Verbindung zwischen beiden Bildern als Zeugnisse ihrer Zeit.

* Dr. Pia Müller-Tamm (2000): Denkmal zur Erinnerung an den Aufstand des siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig von Wolfgang Rüppel, Kunstsammlung NRW K20 / Kunsthalle Karlsruhe 16.6.2000 in der Galerie Seitz & Partner, PDF

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TITEL
„Denkmal zur Erinnerung an den siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig“

ENTWURF UND IDEE DENKMAL
Wolfgang Rüppel

AUSFÜHRUNGSPLAN/BAULICHE REALISIERUNG
Architektenbüro Jung-Piroeth-Schützger

ANSCHRIFT
Wilhelmstraße 97, Berlin

EIGENTÜMER
Bundesministerium der Finanzen