Wilhelm-/Zietenplatz

Wilhelm-/Zietenplatz
Wilhelm-/Zietenplatz mit Feldherren-Bronzen 2017, im Hintergrund die Botschaft der Tschechischen Republik
© Marlen Wagner

Bau und Ausbau der Friedrichstadt

Die neue Friedrichstadt entsteht ab 1688 südlich der heutigen Straße Unter den Linden. Nach 1721 wird sie unter der Leitung des Ingenieurs und Vorsitzenden der städtischen Baukommission Major Christian Reinhold von Derschau (1679–1742) in südliche und westliche Richtung erweitert. Verantwortlich für die architektonische Gestaltung der Erweiterung sind der Königliche Oberbaudirektor Johann Philipp Gerlach (1679–1748) und der Hofbaudirektor Johann Friedrich Grael (1707–1740). Sie beraten die Baukommission dahingehend, Richtlinien für die Neubebauung zu erlassen, die verbindlich und eng gefasst sind. Ziel dieses Vorgehens ist die Schaffung eines harmonisch und ganzheitlich wirkenden Bildes dieses Stadtteils der königlichen Residenzstadt Berlin. Zur Stadtteil-Planung gehört auch die Planung der ihn erschließenden Straßen: Drei zentrale Nord-Süd-Achsen sollen das Gesamtgebiet durchziehen und strahlenförmig auf das „Rondell“ (heute Mehringplatz) zulaufen. Die drei Achsen werden die Namen Wilhelmsstraße, Friedrichstraße und Luisenstraße tragen.

Historische Zeichnung Berlin Wilhelmstraße
Die Königlich Preußische Residenz Berlin 1740, nach ihrem accuraten Grundriss und zweien Prospecten, auch Abbildung der sämtlichen Kirchen und vornehmsten Königlichen Gebäuden derselben.“ Berlin: Schleuen, ca. 1740
Digitalisiert durch die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2003

Im nördlichen Drittel der Wilhelmsstraße findet sich 1737 erstmals im Plan der Stadt Berlin auch ein viereckiger gepflasterter Platz ohne Bepflanzung, der bis zum Jahr 1749 den Namen „Wilhelms-Markt“ trägt. (Der sich anschließende Zietenplatz wird 1737 als namenloser Exerzierplatz angelegt und 1849 zu Ehren des preußischen Generals Hans Joachim von Zieten so benannt; er findet selten alleinige Erwähnung und geht in der Literatur meist als Bestandteil der Doppelanlage Wilhelm-/Zietenplatz ein.)

Von 1749 bis 1950 wird er den Namen „Wilhelmsplatz“, bzw. „Wilhelmplatz“ tragen. 1949 wird er seitens der Regierung der DDR zu „Thälmannplatz“. Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1993 heißt er erneut „Wilhelmplatz“.

Umgeben von Adelspalais

Die den Wilhelmplatz umgebenden Straßen werden ab 1730, bis auf die Königliche Gold- und Silbermanufaktur in der Wilhelmstraße 79, fast lückenlos mit Adelsvillen bebaut. Um einen standesgemäßen Ausbau der Friedrichstadt zu gewährleisten, stellt der Staat verdienten Personen des Militärs, der Staatsbehörden und des Hofes die jeweiligen Grundstücke kostenlos zur Verfügung. Ebenso trägt er einen Teil der Baukosten. Dennoch lassen sich trotz dieser großzügigen Unterstützung nicht ausreichend private Investoren finden. Friedrich Wilhelm I. muss sich damit abfinden, dass seine Wilhelmstraße auch andere als die angestrebten Bauherren findet: Staatseinrichtungen, Gilden, Vereinigungen und die Gold- und Silbermanufaktur lassen sich hier nieder.

Der Wilhelmplatz, Federzeichnung von C.H. Horst, etwa 1733
C.H. Horst, Der Wilhelmplatz, Federzeichnung der geplanten Bebauung, etwa 1733
von C.H. Horst [Public domain], via Wikimedia Commons, gemeinfrei
Von der geplanten Bebauung werden ab 1735 (von links) a) die Gold- und Silbermanufaktur, b) das den Platz dominierende Palais Marschall, c) das Palais Schulenburg, später als Reichskanzlei Sitz der deutschen Reichskanzler, d) das Palais Waldburg bzw. Ordenspalais an der Nordseite des Platzes errichtet. Nicht gebaut wird das hier vorgesehene Palais an der Nordostseite des Wilhelmplatzes.

Das Bürgertum am Wilhelmplatz

Doch schon Ende des 18. Jahrhunderts wandelt sich das staatliche Geschenk in eine finanzielle Belastung. Es zeichnet sich ab, dass die adligen Besitzer der Palais häufig finanziell nicht in der Lage sind, diese standesgemäß zu unterhalten. Viele Palais werden verkauft, verpachtet oder vermietet an diejenigen, die es sich leisten können: an Vertreter des aufstrebenden Bürgertums. Diese wiederum führen die adligen Prachtvillen oft anderen Bestimmungszwecken zu – Manufakturen und Verlagshäuser ziehen ein.

Um eine weitere Verbürgerlichung zu verhindern kauft der preußische Staat ab 1790 Grundstücke und Gebäude an der Wilhelmstraße auf. Die preußische aristokratische Tradition soll gewahrt werden. Ministerien, Behörden und Gesandtschaften ziehen hier ein.

Umgestaltung zur Parkanlage

Der Wilhelmplatz im 19. Jahrhundert, Ausschnitt aus dem Film „Der Wilhelmplatz“
© Christoph Neubauer

1828 wird der Platz von Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) zu einer Parkanlage umgestaltet. Die sechs marmornen Statuen der Feldherren der preußischen Armee, geschaffen vom preußischen Bildhauer und Grafiker Johann Gottfried Schadows (1764–1850), werden durch Kopien aus Bronze ersetzt und an den Platzzugängen angeordnet, der Park mit einer doppelten Baumreihe umfasst.

Brunnen für den Wilhelmplatz, 1879
Brunnen für den Wilhelmplatz, Monatskonkurrenz April 1879, Handzeichnung für einen Wettbewerb (Bau nicht ausgeführt) 
Architekturmuseum TU-Berlin, Inventarnr. MK 47-047,2

Julius Jacob d. J., Der Wilhelmplatz im Frühling, 1886
Julius Jacob der Jüngere [Public domain]; via Wikimedia Commons

Neue Verkehrswege

1870 erfolgt der Abriss des Palais Marschall (auch: Vossisches Palais genannt nach seinem letzten Besitzer) und die Aufteilung des Grundstückes: Auf seinem südlichsten Bereich wird einen Privatweg angelegt, der 1871 zur Voßstraße wird.

Die die Voßstraße flankierenden Grundstücke werden in kleine Parzellen aufgeteilt und verkauft. Als erste Bebauungen entstehen hier die Bayerische-, Württembergische-, Sächsische Gesandtschaft und das Reichsjustizamt. Das aufstrebende Bürgertum hat aber bald mehr Geld zur Verfügung als der preußische Staat und so werden die restlichen Baugrundstücke mit Stadtvillen bebaut.

1863: Neuester Bebauungs-Plan von Berlin : mit nächster Umgebung und Angabe des Weichbilds u. Polizei-Bezirksgrenzen. Berlin: Schropp, 1863
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011. URN

1909 erfolgt eine weitere Umgestaltung des Platzes mit einem neuen Verkehrskonzept für das Regierungsviertel und dem U-Bahnhof „Kaiserhof“ mit seinem Eingangsbau im Jugendstil von Alfred Grenander (1863–1931). Die Straße verbindet nun den Zietenplatz mit der Voßstraße – quer über den Wilhelmplatz auf zwei getrennten Fahrspuren in Bögen links und rechts des U-Bahneinganges.

Großer Verkehrs-Plan von Berlin mit seinen Vororten, Berlin, Liebel 1900
1900: Grosser Verkehrs-Plan von Berlin mit seinen Vororten, Berlin, Liebel 1900
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011; URN

So bleibt der Wilhelmplatz bis 1936, abgesehen vom Bau des Hotels Kaiserhof. Von den ihn umschließenden Adelspalais jedoch ist keines mehr in seiner ursprünglichen Form erhalten. Dann erfolgt seine erneute Umgestaltung aus machtrepräsentativen Gründen.

Der Wilhelmplatz als Bühne und Aufmarschfläche

1936 finden die Olympischen Spiele in Berlin statt – eine perfekte Bühne für die internationale Präsentation des neuen Regimes in Berlin. Doch Bäume versperren den Blick auf die Reichskanzlei mit dem 1935 durch Albert Speer errichteten neuen Führerbalkon, eine freie Sicht muss geschaffen werden. Der U-Bahneingang im Jugendstil wird durch einen kleinen, einfacheren ersetzt, die meisten Bäume gefällt, die in Bögen um den Wilhelmplatz verlaufenden Straßen begradigt, die Parkanlage durch eine gepflasterte Freifläche ersetzt, die Standbilder der preußischen Generäle nach Osten unter die noch übrig gebliebene Baumreihe versetzt.
Nun ist der Wilhelmplatz von der Reichskanzlei und den Ministerien vollständig einsehbar. Wer jetzt den Wilhelmplatz überquert, bewegt sich nicht mehr im Schatten großer Bäume, sondern ist den Blicken preisgegeben und beobachtet – aus dem Park ist eine Aufmarschfläche geworden.

Der Wilhelmplatz 1936, Ausschnitt aus dem Film „Der Wilhelmplatz“
© Christoph Neubauer

Um den Aufbruch in die neue Epoche unübersehbar zu machen, arbeitet der Reichsbühnenbildner Benno von Arendt verschiedene Fahnenkulissen für den Wilhelmplatz aus, die innerhalb eines Tages dem Wilhelmplatz einen nationalsozialistischen Charakter verleihen können. Sie vereinheitlichen den Mix der verschiedenen Fassaden mit unterschiedlichen Architektursprachen im Sinne der neuen Machthaber.

So wird der Wilhelmplatz zur Bühne und Kulisse der Macht. Der neue U-Bahneingang z. B. ist so konstruiert, dass er bei Massenveranstaltungen problemlos mittels Holzbohlen und Fahnenstoff zu einem Podest umgebaut werden kann. Stelen, die massiv wirken, aber lediglich aus verputzten Holzgestellen bestehen, werden bei besonderen Anlässen auf dem Wilhelmplatz aufgestellt. Hunderte Scheinwerfer können nachts auf die Gebäude des Platzes und auf die auf den Stelen thronenden Reichsadler ausgerichtet werden. So wandelt sich der Platz zu einem geschlossenen Raum mit den Gebäuden als Wände, dem dunklen Nachthimmel als Decke, der den Menschen ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit vermitteln soll. Eine perfekte Kulisse z. B. für den Zapfenstreich zum fünfzigsten Geburtstag des „Führers“ oder Vereidigungen von Rekruten. Die hierfür aufgestellten Soldaten, durch Fackeln angeleuchtet, werden zu einer architektonischen Komponente des Gesamtbildes.

Gebäude am Wilhelmplatz

Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda
Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (rechts), Wilhelmplatz, Berlin 1937
Bundesarchiv, Bild 146-1971-071-63 / Fotograf: Otto Hagemann; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Das Propagandaministerium dominiert die gesamte Nordseite des Platzes. Das barocke Palais wird bereits im 19. Jahrhundert durch Karl Friedrich Schinkel komplett umgestaltet. 1934 erfährt es durch Karl Reichle eine weitere bauliche Veränderung. Denn nun lässt Propagandaminister Joseph Goebbels im Garten des Palais einen großen Neubau für sein Ministerium errichten. An der Wilhelmstraße erhält das Palais eine Erweiterung die im Stile der Schinkelfassade ausgeführt wird: Seine Fassade wird der des Ordenspalais im Stile Schinkels angeglichen, sodass die Zugehörigkeit zum Propagandaministerium augenfällig ist. Das alte Marschallhaus am Wilhelmplatz 8 wird teilweise abgetragen und an seiner Stelle errichtet Reichle einen neuen dreibogigen Zugang zu dem neu errichteten Bürogebäude.

An das alte Ordenspalais schließt sich das Palais Behr-Negendank (später Schwabach) an, das mit seinen neobarocken Fassadenelementen eine der gehobenen Stadtvillen des 19. Jahrhunderts am Wilhelmplatz darstellt. Hier residiert bis 1931 die diplomatische Vertretung der USA.

Hotel Kaiserhof am Wilhelmplatz
Hotel Kaiserhof am Wilhelmplatz, Berlin 1928
© Bundesarchiv, Bild 146-059-07 / Fotograf: Herbert Hoffmann; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Die Ostseite des Platzes wird vom Hotel Kaiserhof eingenommen. Für seinen Bau werden zehn Häuser der alten Bebauung zwischen Wilhelm- und Zietenplatz abgerissen.

Reichsfinanzministerium 1930–1936
Reichsfinanzministerium an der Südseite des Wilhelmplatzes, Berlin, etwa 1930–36
Bundesarchiv, Bild 147-0269 / Fotograf: Unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

An der Südseite des Platzes liegt das ab 1873 als Amtsgebäude für das Auswärtige Amt konzipierte und zwischen 1873 und 1877 nach Plänen von Georg Joachim Wilhelm Neumann (1826–1907; durch Adoption seit 1878 Wilhelm von Mörner) von den Architekten Richard Wolffenstein (1846–1919) gebaute Hauptgebäude des Reichsschatzamtes (ab 1919 Reichsfinanzministerium). Seine Fassade aus Seeberger Sandstein schmücken Plastiken des Bildhauers Heinrich Pohlmann (1839–1917). Das Schatzamt zieht etwa 1883 von der Wilhelmstraße 74 zum Wilhelmplatz 1/Wilhelmstraße 61 um. Das Hauptgebäude des Schatzamtes fügt sich harmonisch in die es umgebende Bebauung ein, da Mörner das Gebäude in Formsprache und Traufhöhe an das Gebäude der Deutschen Reichsbahngesellschaft angleicht. Das Haus Wilhelmstraße 2 wird 1902 vom Schatzamt übernommen. Durch Aufstockung und Umbau sowie Angleichung seiner ursprüngliche Putzfassade an die des Hauptgebäudes wird optisch der Eindruck einer Zusammengehörigkeit beider Gebäude erzeugt.

An der Westseite, dem Hotel Kaiserhof gegenüber, liegt der Sitz der Kur- und Neumärkischen Ritterschaftsdirektion in einem erst 1892 entstandenen Gebäude. Sein Architekt Hermann Ditmar entwirft das Gebäude im Stil eines Florentiner Renaissance-Palastes und geht damit weder auf den barocken Ursprung des Platzes ein, noch nimmt er Schinkels neue Formsprache auf, die durch seine Umgestaltung des Ordenspalais ihren Anfang am Wilhelmplatz nimmt.

Reichskanzlei in der Wilhelmstraße
Alte Reichskanzlei in der Wilhelmstraße, Berlin
Bundesarchiv, Bild 146-1998-013-20A / Fotograf: Unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Ebenfalls an der Westseite liegt das Palais Schulenburg, später von dem polnischen Fürsten Radziwill erworben und lange Zeit als „Palais Radziwill“ bekannt. Ab 1878 ist es Reichskanzlerpalais, ab 1930 die Alte Reichskanzlei.

1933 gehören zum Baubestand der Ensembles der Reichskanzlei zum einen die Alte Reichskanzlei und zum anderen die zu dieser Zeit als Neue Reichskanzlei bezeichnete Erweiterung aus der Zeit der Weimarer Republik.

1936 wird die südliche, westliche und nördliche Bebauung des Wilhelmplatzes durch die Niederlegung des Baumbestandes wieder sichtbar. Die durch die Umgestaltung des Platzes nun frei einsehbaren Bauten sind in ihrer baulichen Einheit und ihrer Erscheinung als Mix aus verschiedenen Stilepochen erkennbar. Die überhöhte Bebauung an der Ostseite des Platzes wird hinter hohen Bäumen versteckt. Erneut präsentieren sich Platz und die ihn umgebende Bebauung so als Ensemble – als architektonischer Ausdruck der Zeitgeschichte.

Zerstörung des Wilhelmplatzes

Der im II. Weltkrieg zerstörte Wilhelmplatz 1946, an der Mohrenstraße 
Bundesarchiv, Bild 183-S74430 / Fotograf: Heinscher; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Aufgrund seiner politischen Symbolkraft wird der Wilhelmplatz nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört:

  • Reichsfinanzministerium, Wilhelmplatz 1–2; Wilhelmstraße 61
  • Hotel Kaiserhof, Wilhelmplatz 3–5
  • US-Botschaft (bis 1933), Wilhelmplatz 7
  • Ordenspalais, Propagandaministerium, Wilhelmplatz 9 (der Erweiterungsbau Wilhelmstraße 49 (Nr. 8) bleibt erhalten)
  • Gebäude der Reichsbahndirektion, Wilhelmstraße 79/79a und 80/80a; Voßstraße 33–35
  • Borsigpalais (1938/39 in den Bau der Neuen Reichskanzlei integriert), Voßstraße 1 (ab 1939 Nr. 2)
  • Alte Reichskanzlei mit Erweiterungsbau, Wilhelmstraße 77/78

Erhalten bleiben nur zwei Gebäude:

  • Hofmarschallhaus, ab 1934 durch den Neubau für das Propagandaministerium durch Karl Reichle ersetzt, Wilhelmplatz 8
  • Ritterschaftsdirektion, Wilhelmplatz 6 (heute Mohrenstraße 66)

Umbenennung des Wilhelmplatzes in Thälmannplatz

Am 30. November 1949, kurz vor der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1949, werden der südliche Teil des Wilhelmplatzes und die U-Bahn-Station vom Ost-Berliner Magistrat in Thälmannplatz umbenannt.

Feierliche Umbenennung des Wilhelmplatzes in „Thälmann-Platz“
Bundesarchiv, Bild 183-S90477 / Fotograf: Rudolph; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Während der öffentlichen Zeremonie zur Umbenennung des Platzes erläutert Walter Ulbricht, führender Funktionär der KPD und der SED, diese Namenswahl mit folgenden Worten: „Aus einem Kriegshetzer-Platz ist ein Symbol des friedliebenden, aufbauenden Berlin geworden.“ (Maoz Azaryahu 2001, S. 154)

Berlin, Thälmannplatz, Ruine
Thälmannplatz, 1950, fünf Jahre nach der Kapitualtion
Bundesarchiv, Bild 183-S94994 / Fotograf: Gustav Köhler; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Viel gebaut wird nicht am Thälmannplatz. 1972 bis 1974 erbaut die Demokratische Volksrepublik Korea ihre Botschaft auf einem Teilgrundstück des ehemaligen Hotels Kaiserhof.

Botschaft der Koreanischen Volksrepublik in der Glinkastraße 5–7
Botschaft der Demokratische Volksrepublik Korea, Berlin 1987
Bundesarchiv, Bild 183-1987-0130-315 / Fotograf: Erwin Schneider; Lizenz CC-BY-SA 3.0

1974 bis 1978 wird die Botschaft der Tschechoslowakei auf der Südhälfte des Thälmannplatzes gebaut.

Botschaft der Tschechischen Republik, Berlin
Botschaft der Tschechischen Republik, Berlin
© Marlen Wagner
Berlin, Stadtplan 1960
1960: Straßenübersichtsplan von Berlin 1960, ohne Außenbezirke, Ausschnitt; Berlin: Landkartenverl., [1960]
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011
Maßstab: 1:25 000

Erst in den 1980er Jahren entstehen im urbanen Niemandsland auf der nördlichen Hälfte des Platzes Wohnbauten in Plattenbauweise primär des Typs WBS 70, die den vereinsamten Botschaften der Tschechoslowakei und der Botschaft Nordkoreas Gesellschaft leisten. Die alten Umrisse des ehemaligen Wilhelmplatzes sind nun nur noch zu erahnen. 1987 wird auch der Platz selbst aus dem Straßenregister gestrichen und seine Hausnummern werden in die der Otto-Grotewohl-Straße eingereiht.

Wilhelm-/Zietenplatz
DDR Plattenbauten am Wilhelm-/Zietenplatz
© Marlen Wagner

Der Doppelplatz nach der Wiedervereinigung Deutschlands

Seit 1993 heißt der Platz, von dem nur ein kläglicher Rest als Miniaturgrünfläche übrig ist, erneut „Wilhelmplatz“. Von der ehemals angelegten architektonischen Gesamtheit des Doppelplatzes samt seiner Randbebauung ist nichts mehr übrig.

Wilhelm-/Zietenplatz
Wilhelm-/Zietenplatz mit Feldherren-Bronzen, im Hintergrund die Botschaft der Tschechischen Republik
© Marlen Wagner

Daran ändert auch die Wiederaufstellung der Feldherren-Bronzen der preußischen Armee 2003 und 2009 sowie die historisierende Gestaltung des Platzes 2008 nichts. Die Gestaltung des Platzes folgt zwar seiner historischen Form mit drei bepflanzten Beeten, breiten Gehwegen und ihn umgebenden Sitzbänken, aber seinen Charakter als zentralen Platz hat er nicht wiedergewinnen können. Umgeben von architektonischen Bruchstücken aus nahezu sämtlichen Epochen seiner Existenz zitiert er diese nicht so, dass sich aus historischem Bestand und Neubauten ein ganzheitlich wirkendes Stadtbild ergibt.

Wilhelm-/Zietenplatz
Der Doppelplatz nach der Rekonstruktion
© Marlen Wagner

Am 6. April 2008 übergibt die Stadtentwicklungsministerin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) dem Bezirk Mitte den Zietenplatz am U-Bahnhof Mohrenstraße mit den Worten: „Wir haben ein Stück Geschichte in das öffentliche Bewusstsein zurückgeholt.“ (laut Fülling 2007)

Die Ministerin spezifiziert nicht näher, warum es gerade zu diesem Zeitpunkt wichtig ist, die Geschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die sechs Statuen der Feldherren der preußischen Armee wieder in das öffentliche Bewusstsein zurückzuholen. Die Parkanlage auf dem Wilhelmplatz, wie sie Schinkel einst gestaltete, war umgeben von Adelsvillen und wurde zum Zentrum politischer Macht und ihrer Repräsentation. Diesen Charakter behielt er durch die verschiedenen Epochen – bis 1945. Was seine Vernachlässigung und planlose Bebauung seitens der DDR und die ebenso planlose Abriss- und Baupolitik des wiedervereinigten Deutschlands mit diesem Platz in der Mitte der Hauptstadt angerichtet haben, kann man nur mit hilflosem Staunen beobachten.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Azaryahu, Maoz (2001): Von Wilhelmplatz zu Thälmannplatz. Politische Symbole im öffentlichen Leben der DDR, Hrsg. von Shulamit Volkov und Frank Stern, Schriftenreihe des Minerva Instituts für deutsche Geschichte Universität Tel Aviv (hg. von Moshe Zuckermann), Bd. 13, Göttingen, Wallstein
  • Demps, Laurenz (2010): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, Berlin, CH.Links
  • Engel, Helmut; Ribbe, Wolfgang (1997): Geschichtsmeile Wilhelmstraße, Berlin, BWV
  • Fülling, Thomas (2007): Berlin hat wieder einen Zietenplatz, Die Welt, 6.6.2007, Die Welt
  • Heinrich, Klaus (2015): Schinkel / Speer. Zum Verhältnis von ästhetischem und transzendentalem Subjekt. Karl Friedrich Schinkel – Albert Speer. Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS. Dahlemer Vorlesungen, Aachen, archplus
  • Neubauer, Christoph (2010): Stadtführer durch Hitlers Berlin. Gestern & Heute. Frankfurt (Oder), Atelier Neubauer
  • Neubauer, Christoph (2011): Der Wilhelmplatz, Atelier Neubauer, Website