Reichspostamt

Museum für Kommunikation, Berlin
Reichspostministerium / Museum für Kommunikation, Berlin
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Verzicht der Länder auf eine eigene Posthoheit

Unmittelbar nach der Reichseinigung 1871 integriert Heinrich von Stephan (1831–1897), Generalpostmeister des Deutschen Reiches, das Postwesen von Elsass-Lothringen und Baden in die Reichspost. Nur Bayern und Württemberg behalten noch bis zum Ende des Kaiserreichs ihre Posthoheit.

Immer mehr Post- und Telegrafenämter werden zur Verdichtung des Kommunikationsnetzes gebaut, erst in den großen, dann in den kleineren Städten. Die Reichspost richtete 1875 eine eigene Bauverwaltung unter der Leitung des Architekten August Kind (1824–1904) ein. Die Anzahl der speziell für die Post- und Telegraphendienstzwecke errichteten Gebäude wächst rapide: von 250 im Jahr 1872 auf 1.700 im Jahr 1895. Die Architektur dieser neuen Postgebäude soll sich an derjenigen ihrer Umgebung orientieren (Heimatstil).

„Die Wahl des Styls ist in erster Linie dem zu verwendenden Material gemäß erfolgt, aber auch häufig durch örtliche Rücksichten wesentlich beeinflußt worden (…) An Orten, in welchen kein historischer Boden zur Wahl eines bestimmten Styls zwang, ist für Rohziegelbau der moderne Rund- und Flachbogenbau, wie er sich durch die Schinkel-Soller’sche Schule ausgebildet, für Sandsteinbauten der italienische, aber durch Studium der griechischen Antike in den Detailformen strenger gestaltete sogenannte Renaissancestyl angewendet worden.“ (Schwalto)

Das Generalpostamt als Schaltstelle der Deutschen Reichspost

Die Schaltstelle der Deutschen Reichspost wird das Generalpostamt in der Leipziger Straße in Berlin, gebaut 1871–1874, ergänzt durch das Reichspostmuseum nach Entwürfen von Carl Schwatlo (1831–1884), das 1898 ein separates Gebäude bezieht.

Schwatlo wird primär durch seine Postbauten für das Deutsche Reich bekannt werden. In Berlin ist er zuständig für den Postbaubezirk Berlin I, zu dem auch Potsdam gehört. 1876 wird er zusätzlich mit der Leitung der Bauausführung der Berliner Oberpostdirektion betraut.

In Berlin führt er zahlreiche Bauten aus, darunter das Generalpostamt, das Postamt in Charlottenburg (beide im Zweiten Weltkrieg zerstört) und das Postfuhramt an der Oranienburger Straße.

Weitere Grundstückskäufe (Leipziger Str. 14 und 16–18 sowie Mauerstraße 69–75) halten die Möglichkeit von Erweiterungsbauten offen. Erste Entwürfe legt das technische Baubüro des Reichspostamtes unter der Federführung des Architekten Ernst M. Hake 1891 vor. Alle Regionen Deutschlands sollen sich in dessen Architektur wiederfinden können.

Großbauten des Deutschen Reiches erhalten zwischen 1871 und 1895 meist Formen der italienischen Hochrenaissance, die ergänzt und überboten werden durch italienische und französische Barockelemente. Prominentes Beispiel einer solchen Architektur ist bis heute das Berliner Reichstagsgebäude.

Das Generalpostamt, um zwei Höfe gruppiert, erhält zur Ecke Leipziger Straße/Mauerstraße hin eine Fassade im Stil der italienischen Renaissance mit Barockelementen und monumentalen Säulen. Die Skulptur des Bildhauers Ernst Wenck (1865–1925), eine Gruppe aus drei Giganten, die eine Weltkugel tragen, krönt die Ecke des Gebäudes und hebt seine Bedeutung hervor: Sie soll den weltumspannende Auftrag und die machtvolle Organisation symbolisieren. Der Bau ist an der Straßenseite drei- und im Hof viergeschossig.

Die Flügel in der Leipziger- und Mauerstraße sind schlichter: in den Formen der italienischen Renaissance gehalten, schließen sie sich an die Nachbarbauten an.

Kaiserwort

Dem Kaiser gefiel die repräsentative Fassade des neuen Gebäudekomplexes. „Sehr schön. Einverstanden. Wilhelm“. Die Säulen wünscht er jedoch riefenlos glatt. Der Lichthof findet ebenfalls seine Zustimmung: „Gut! – Reiner und einfach würdiger Styl! Einverstanden! Wilhelm.“ (zitiert nach Hinterkeuser, S. 40). Vergleicht man diese kaiserlichen Äußerungen mit denen zum Neubau des Reichstages („Gipfel der Geschmacklosigkeit“, zitiert nach Hinterkeuser, S. 41 ) überrascht diese Zustimmung.

Erweiterungsbauten, Reichspostmuseum

Die Fassade der Erweiterungsbauten berücksichtigen die des Generalpostamtes hinsichtlich der Geschossanzahl und Höhe. Nicht monumentale Reihung von Gebäuden, sondern einzelne, wenn auch mächtige Blöcke beherrschen das Bild mit in ganzer Höhe des Bauwerks vorspringenden Gebäudeteilen.

Das rustizierte Erdgeschoss des Erweiterungsbaus wird durch hohe Rundbogenfenster gegliedert, zwei glatte Obergeschosse schließen sich nach oben hin an. Die Fenster des ersten Geschosses erhalten ebenfalls Rundbögen, hervorgehoben durch eine Ädikula (kleiner Wandaufbau, der einer Tempelfront ähnelt) mit ionischen Pilastern und Dreiecksgiebeln. Im oberen Geschoss sind die hier rechteckigen Fenster schlicht gestaltet. Kranzgesims und von Postamenten in Segmente unterteilte Balustrade, schließen das Gebäude ab.

Die Einweihung des gesamten Komplexes 1897 findet ohne seinen Initiator statt, auf den sich sein Name im Volksmund bezieht: „Zirkus Stephan“ (vgl. Schönfeld). Seine Trauerfeier findet im Lichthof statt. Im Februar 1898 wird auch das Reichspostmuseum für das Publikum eröffnet.

Postmuseum der DDR

1958 beginnen die Arbeiten in der Leipziger Straße, das Gebäude wird behelfsmäßig instand gesetzt. Das Postmuseum der DDR eröffnet mit einer Briefmarkenausstellung auf sehr begrenztem Raum, der in den folgenden Jahren erweitert wird.

1981 beschließt das Politbüro des ZK der SED die vollständige Wiederherstellung des alten Reichspostmuseum, das dann als Postmuseum der DDR neu eröffnet werden soll. Doch bis zur 750-Jahr-Feier wird dieses Vorhaben nach den Plänen des Architekten Klaus Niebergall nicht vollständig umgesetzt. Nur ein Teil der geplanten Ausstellungsfläche steht 1987 zur Verfügung.

In Westberlin wird 1966 das „Berliner Post- und Fernmeldemuseum“ in der Urania eröffnet.

Erst nach dem Fall der Mauer wird diese Phase der Bauarbeiten mit der Rekonstruktion des Lichthofes 1990 abgeschlossen.

Museum für Kommunikation

1992 übernimmt das Architekturbüro Henze & Vahjen den Auftrag, das Gebäude zu restaurieren. Gefördert wird dieses Vorhaben vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

Primäres Augenmerk soll auf der Bewahrung der alten, noch vorhandenen Bausubstanz und der Denkmalpflege liegen. Nicht mehr vorhandene Teile des ehemaligen Gesamtkomplexes (z. B. die beiden seitlichen Schmucktürme auf dem Dach der Eingangsfassade) sollen nicht rekonstruierend neu gebaut werden. Der 1980 an der Leipziger Straße entstandene Erweiterungsbau wird dem Hauptgebäude hinsichtlich seiner Geschosshöhe angepasst. Der Lichthof wird unterkellert und beherbergt nun die größten Schätze des Museums, darunter die Blaue Mauritius. Zum Richtfest 1997 steht auch wieder die Gigantengruppe in alter Größe auf dem Dach des Eckgebäudes. 1999 werden die Bauarbeiten abgeschlossen. Im März 2000 eröffnet der damalige Bundespräsident Johannes Rau das Museum für Kommunikation, in dem beide Berliner Museen wieder an einem Standort vereint sind.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Hinterkeuser, Guido (2000): Ein Museumsbau des Kaiserreichs. Architektur und Bildprogramm des Reichspostmuseums 1893-1898, PDF
  • Landesdenkmalamt Berlin: Liste, Karte, Datenbank – Denkmaldatenbank. Reichspostamt, Reichspostmuseum, Website
  • Museum für Kommunikation Berlin, Website
  • Schönfeld, Helmut (1986): Die berlinische Umgangssprache im 19. und 20. Jahrhundert, in: Joachim Schildt, Hartmut Schmidt (Hrsg.): Berlinisch. Geschichtliche Einführung in die Sprache einer Stadt. Akademie-Verlag, Ost-Berlin 1986
  • Schwalto (1875): Kaiserliches General-Postamt in Berlin, in: Zeitschrift für Bauwesen. Ausgabe 1875, ZLB
  • Tagesspiegel, Berliner Chronik: 6. Juni 1976: Vor 25 Jahren berichteten wir, Website

StandortLeipziger Straße 16/Ecke Mauerstraße
Architekt(en)
Erbaut1871–1874
Zustand
  • im 2. Weltkrieg stark beschädigt
  • 1999 Restaurierung unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten
Nutzer
Auftraggeber