Reichsluftfahrtministerium (Bundesfinanzministerium)

Reichsluftfahrtministerium Leipziger-/Ecke Wilhelmstraße
Reichsluftfahrtministerium Leipziger-/Ecke Wilhelmstraße, Berlin, Dezember 1938
Bundesarchiv, Bild 146-1979-074-36A / Fotograf: Otto Hagemann; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Im Mai 1933 übernimmt das neugegründete Reichsluftfahrtministerium den gesamten Gebäudekomplex Leipziger Straße/Wilhelmstraße, der bis 1918 der Sitz des Preußischen Kriegsministeriums und in der Weimarer Republik (1918–1933) Sitz des Reichswehrministeriums und des Arbeitsministeriums ist.

Baustelle des Reichsluftfahrtministerium
Baustelle des Reichsluftfahrtministeriums
Bundesarchiv, Bild 183-2001-0905-501/ Fotograf: Unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

1935 werden sämtliche Gebäude abgerissen und das Gelände wird bis hin zur Prinz-Albrecht-Straße im Süden durch Zukauf erweitert. Ende 1936 ist der gigantische Neubau mit seiner Nutzfläche von 56 000 Quadratmetern und 2 100 Innenräumen fertiggestellt. Ein Labyrinth von Fluren mit einer Gesamtlänge von 6,8 Kilometern stellt die Verbindungen in diesem gigantomanischen Ensemble her.

Berlin, Reichsluftfahrtministerium, Richtfest
Richtfest des neuen Reichsluftfahrtministeriums in Berlin am 12. Oktober 1935.
vlnr: Der Baumeister Prof. Dr. Ing. [Ernst] Sagebiel, Reichsluftfahrtminister General der Flieger Hermann Göring, der Zimmerpolier Franz Hecht, der den Richtspruch sprach, Staatssekretär [Erhard] Milch beobachten das Hochziehen der großen Richtkrone.
Bundesarchiv Bild 183-H28070 / Fotograf unbekannt;  Lizenz CC-BY-SA 3.0

Festigung der Macht

Das Reichsluftfahrtministerium ist der erste große Neubau der neuen nationalsozialistischen Regierung. Der verantwortliche Architekt, Prof. Ernst Sagebiel (1892–1970), setzt um, was der Hausherr Hermann Göring (1893–1946), Reichsminister der Luftfahrt, wünscht. Göring sagt zwar in seiner Rede am 12. Oktober 1935 zur Einweihung des Neubaus: „Wir übernehmen aus ihm (dem ehemaligen Kriegsministerium, die Red.) ein gutes Stück preußisch-deutscher Tradition.“ (Zitiert nach Elke Dietrich (2005) S. 151). Doch der Einschüchterungsbau mit martialischen Proportionen setzt die Traditionslinie nur insofern fort, als dass er diese als Legitimation der ausgeübten Macht benutzt und sie noch überhöht. Der Bau soll unübersehbar die neue Zeit repräsentieren.

Reliefschmuck Innenhof Reichsluftfahrtministerium
Die Tore zum Innenhof des Reichsluftfahrtministeriums mit Reliefschmuck aus deutschen Kriegsorden und Hoheitszeichen, 1935
Bundesarchiv, Bild 146-1979-074-35A / Fotograf: Bittner; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Sagebiel lässt zwar Relieftafeln mit deutschen Heerführern als Fassadenschmuck anbringen, doch diese treten zurück hinter den eigentlichen Schmuck mit Hakenkreuzen, Militärsymbolen wie dem Eisernen Kreuz und dem Pour le Mérite, dem höchsten deutschen Verdienstorden. Göring, Kampfflieger im Ersten Weltkrieg, ist Träger des Pour le Mérite. Seit dem Versailler Vertrag von 28. Juni 1919 (Datum der Unterzeichnung) ist es Deutschland verboten, seine Luftstreitkräfte wiederaufzubauen, das zivile Luftwesen wird stark behindert. Das neue Regime bricht diesen Vertrag, erst im Geheimen, dann mit der Besetzung des Rheinlandes im März 1936 und dem Angriff der „Legion Condor“ deutscher Jagd- und Kampfbomber auf die baskische Stadt Guernica im April 1937 öffentlich.

„Leistungsschau“ des neuen Systems

Die kurze Bauzeit des Reichsluftfahrtministeriums wird der Öffentlichkeit als „Leistungsschau“ des neuen Systems angepriesen; die „Berliner Schnauze“ spottet darüber mit „Schlicht und einfach – koste es, was es wolle“.
Der Gebäudekomplex, teils als Stahlbeton-, teils als Stahlskelettbau in sachlich funktioneller Ästhetik um mehrere große Innenhöfe erbaut, trägt homogene Fensterreihen im strengen Duktus, die schmal und scharfkantig vor die glatte Muschelkalkfassade treten und deren Proportionen teils wie Schießscharten wirken.

Blick in den Ehrenhof des ehemaligen Reichsluftfahrtministerium
Blick in den Ehrenhof des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums, 1936
© Bildarchiv Foto Marburg / Helga Schmidt-Glassner

„Die Disziplin der Volksgemeinschaft drückt sich in der Disziplin der Architektur in diesem Baue aus.“ (zitiert nach Elke Dietrich (2005) S. 151). So legitimiert Göring den Stil der Neuen Sachlichkeit, dessen Anwendung bis dahin von den Nationalsozialisten als kulturbolschewistisch und seelenlos, schlicht „undeutsch“ beschrieben wird – so z. B. beim Erweiterungsbau der Reichskanzlei aus der Zeit der Weimarer Republik.

Reichsluftfahrtministerium Innenhof, Berlin 1936
Innenhof des Reichsluftfahrtministerium, 1936
Bundesarchiv, Bild 146-1993-021-06 / Fotograf: Heinrich Hoffmann; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Der Haupteingang des Reichluftfahrtministeriums liegt mit seinem Vorplatz an der Leipziger Straße. Zur Wilhelmstraße ist der Ehrenhof als Aufmarschplatz ausgerichtet, dessen Zugang von zwei Reichsadlern gerahmt wird, die je einen Lorbeerkranz mit Hakenkreuz in ihren Krallen halten – ein gängiger Schmuck der NS-Architektur. Zwei mit großformatigen Granitplatten ausgelegte Innenhöfe mit gerahmten Rasenflächen und je zwei Kastanien, ein Wirtschaftshof und zwei Gartenhöfe mit Plastiken auf den Rasenflächen bilden die Außenanlagen des gigantischen Gebäudekomplexes.

Die Wandelhalle zur Leipziger Straße schmückt ein die Deutsche Wehrmacht glorifizierendes 25 Meter langes Steinrelief: „Fahnenkompanie“ von Arno Waldschmidt (1873–1958), ab Frühjahr 1945 Kommandant eines kleinen Außenlagers des KZ Ravensbrück in Sassnitz. Im Juni 1943 erhält er die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft mit ausdrücklicher Bezugnahme auf dieses Relief. Waldschmidt „habe zudem als erster die Ideen des Führers in die Künstlerschaft getragen“. (zitiert nach Skulptur und Macht S. 89.)

Ort des Widerstandes

Doch das Reichluftfahrtministeriums ist nicht nur ein Ort, an dem die unmenschlichen Befehle des NS-Regimes gefasst und umgesetzt werden, es ist auch ein Ort des Widerstandes: Der Luftwaffen-Oberleutnant Harro Schulze-Boysen (1909–1942) arbeitet hier als Hilfsreferent in der Abteilung „Fremde Luftmächte“ und wertet ausländische Fachliteratur aus. 1935 trifft er den Regierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Arvid Harnack, der geheimes Mitglied der KPD und vom sowjetischen Auslandsnachrichtendienst rekrutiert ist. Ab diesem Zeitpunkt bildet sich Schulze-Boysens oppositioneller Freundeskreis, der ab 1941 in der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ mündet.

Entnazifizierung

Das Reichluftfahrtministerium weist Ende des Zweiten Weltkrieges nur erstaunlich geringe Schäden auf. Sein neuer Nutzer ist die Sowjetische Militäradministration, die die oberflächliche Entnazifizierung der Architektur anordnet: Reichsadler, NS-Hoheitszeichen, Skulpturenreliefs militärischen Inhalts werden entfernt.

Deutsche Wirtschaftskommission

Die sowjetische Besatzung ruft mit Befehl Nr. 138 vom 11. Juni 1947 – als Reaktion auf den Marschall-Plan (breit gefächerter Wiederaufbauplan der USA für Deutschland und Westeuropa) – die „Deutsche Wirtschaftskommission“ (DKW) ins Leben, aus der die provisorische Regierung der DDR hervorgeht. Ihr Sitz ist das ehemalige Reichluftfahrtministerium Wilhelmstraße/Leipziger Straße.

Deutsche Wirtschaftskommission
Deutsche Wirtschaftskommission, Oktober 1949
Bundesarchiv, Bild 183-W1126-313 / Fotograf: Kolbe; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Die erste Parteikonferenz der SED, Deutsche Wirtschaftskommission
Die erste Parteikonferenz der SED, Deutsche Wirtschaftskommission, 25. Januar 1949;
Bundesarchiv, Bild 183-S81728 / Fotograf: Walter Heilig; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Nun beherrscht eine neue Symbolik das geschichtsträchtige Gebäude.

Haus der Ministerien

Vereidigung der Regierung
Gründung der Deutschen Demokratischen Republik am 7.10.1949. Am 12. Oktober 1949 werden die Mitglieder der Regierung der DDR feierlich vereidigt. Staatspräsident W. Pieck vereidigt die neue Regierung.
Bundesarchiv, Bild 183-S88865 / Fotograf: Walter Heilig; Lizenz CC-BY-SA 3.0)

Am 7. Oktober 1949 wird im großen Saal des ehemaligen Reichluftfahrtministeriums die Deutsche Demokratische Republik gegründet, der Gebäudekomplex wird zum „Haus der Ministerien“. In der Leipziger Straße nahe der Berliner Mauer sind die Fachministerien der Wirtschaftszweige zusammengefasst; 1953 sind es neun Regierungsstellen/Ministerien, 1989 sind es 16. Die DDR nutzt den Gebäudekomplex nicht ohne Reflexion auf dessen geschichtliche Herkunft, wertet seine Nutzung als Symbol eines Neubeginns: Die alte, als schlecht erkannte Geschichte soll überschrieben werden durch die nun hier entstehende neue, „gute“ Geschichte.

„Durch die Initiative der Kommunistischen Partei Deutschland und entsprechend dem Beschluss der Sowjetischen Militär-Administration sollte dieses Gebäude einem neuen Bestimmungszweck zugeführt werden. […] Fortan sollten in den Hunderten von Arbeitszimmern die Menschen tätig sein, die für den friedlichen Aufbau und für das Leben arbeiten und die ihren Teil dazu beitragen, dass die schweren Folgen des nazistischen Raubkriegs in unserem Land überwunden werden.“ (Willi Stoph, zitiert nach: Wir sind die Kraft. Der Weg zur Deutschen Demokratischen Republik, S.49.)

Eine weitergehende inhaltliche Auseinandersetzung mit den historischen Gebäuden findet jedoch nicht statt: Im Festsaal des früheren Reichsluftfahrtministeriums verkündet SED-Mitbegründer Wilhelm Pieck (1876–1960) am 7. Oktober 1949 die Gründung der DDR. Am 11. Oktober wählt hier die Volkskammer gemeinsam mit der Länderkammer Wilhelm Pieck zum ersten und einzigen Präsidenten der DDR. Otto Grotewohl wird Ministerpräsident.

Aufbau der Republik

„Aufbau der Republik“ heißt das große Mosaik aus Meißner Porzellankacheln an der Wand der Vorhalle zur Leipziger Straße, dort, wo während des NS-Regimes das die Deutsche Wehrmacht glorifizierende 25 Meter langes Steinrelief „Fahnenkompanie“ von Arno Waldschmidt (1873–1958) hängt. Der Maler, Graphiker und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus Max Linger (1888–1959) malt den Entwurf 1950, eine Aufbruchsstimmung des jungen Staates als Familienidyll, orientiert an einem Bild eines seiner Vorbilder „Il quarto stato“ von Giuseppe Pellizza da Volpredo (1898–1901).

Die Einheit von Arbeitern, Bauern und Intelligenz, sich gründend auf eine junge Familie, ohne besondere Betonung von Uniformen, politischen Symbolen und Transparente mit Slogans. Doch Politiker und Funktionäre der Kultur sind unzufrieden mit der Ausführung und verlangen Nachbesserungen. Im ausgeführten Mosaik sind denn auch die Mienen starr, das Lächeln maskenhaft, viele der dargestellten Frauen nachträglich blondiert und in FDJ-Hemden gekleidet, die Kinder mit Pionierhalstüchern, die Arbeiter fest zupackend bei der Arbeit.

Kacheln aus Meißner Porzellan – geliefert vom VEB Max Diestel, Meißen – die auch an den Wohngebäudefassaden der Stalinallee in den 1950er Jahren Verwendung finden, verweisen auf die Einbeziehung lokaler Rohstoffe und Traditionen und gelten der Kunstpolitik der Deutschen Demokratischen Republik als „Heimatkunst“. In all diesen Maßnahmen zeigt sich der Wunsch der DDR, Gebäudekomplexe in Ensembles zu verwandeln, die eine kulturelle und ästhetische Besonderheit aufweisen.

Der 17. Juni 1953

Am 17. Juni 1953 zieht ein Protestzug von 2 000 Bauarbeitern Richtung Regierungsviertel, zum „Haus der Ministerien“. Horst Schlafkes Parole: „Berliner reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein!“ folgen nach und nach immer mehr Menschen. 10 000 erreichen das „Haus der Ministerien“. Doch die, die ihren Protest hören sollen, sind gar nicht anwesend: Ministerpräsident Grotewohl und hohe Staatsfunktionäre der SED sind kurz vorher in das umgebaute ehemalige Alte Stadthaus umgezogen. Der Protest wird zum Aufstand, der Aufstand weitet sich in die gesamte Republik aus – und wird blutig mit der militärischen Hilfe der Sowjetischen Besatzung niedergeschlagen. Im Westen wird bis zur Wiedervereinigung an diesen Tag als „Tag der Deutschen Einheit“ erinnert.

Gedenktafel am Bundesministerium der Finanzen, Detlev-Rohwedder-Haus
Gedenktafel am Bundesministerium der Finanzen, Detlev-Rohwedder-Haus
© Marlen Wagner

1963 gelingt vom Dach des Hauses der Familie Holzapfel eine spektakuläre Flucht in den Westen Berlins. In 23 Meter Höhe rutschen sie an einem 100 Meter langen Seil über das Brachland zwischen Ost- und Westteil Berlins – unter den wachsamen Augen sowjetischer Soldaten, die glauben, die Staatssicherheit schleuse einen Agenten nach Westberlin.

Zwischen November 1989 und März 1990 bemüht sich Hans Modrow (*1928) als Vorsitzender des Ministerrates der DDR darum, die Eigenständigkeit der DDR zu bewahren und mit der Bundesrepublik lediglich eine Konföderation einzugehen.

Ort der Gründung und des Abgesangs

Am 18. März 1990 wird im „Haus der Ministerien“ – Ort der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik – das Ergebnis der ersten (und letzten) freien Volkskammerwahlen verkündet und mit ihm der Untergang der DDR.

Noch einmal wird eine übergreifende Verwaltungsstelle gegründet: Ein „Wirtschaftskomitee“, das die Staatliche Planungskommission und sämtliche Industrieministerien koordinieren und verwalten soll – ein letzter, vergeblicher Versuch, die Volkswirtschaft zu steuern.

Nach dem 3. Oktober 1990 beherbergt das Gebäude die Berliner Außenstelle des Bundesfinanzministeriums, den Bundesrechnungshof, die Oberfinanzdirektion Berlin und die Treuhandanstalt und erhält 1999 den Namen „Detlev-Rohwedder-Haus“.

Über Abriss oder Erhalt des historisch mehrfach vorbelasteten Gebäudekomplexes wird heftig diskutiert.

Bundesministerium der Finanzen (Detlev-Rohwedder-Haus)

Zwei Argumentationsstränge bestimmen die Diskussion nach der Wiedervereinigung beider deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 um den Sagebiel-Bau, der als Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium (1935–1945) erbaut wird und von der Deutschen Demokratischen Republik als Haus der Ministerien (1949–1998) genutzt wird:

Kann, ja darf ein historisch so belasteter Gebäudekomplex, der sowohl vom NS-Regime als auch von der DDR als Regierungsgebäude benutzt wurde, vom demokratischen Staat Deutschland zum Sitz einer obersten Bundesbehörde werden? Sind Abriss und anschließender Neubau nicht kostengünstiger als eine Sanierung?

Mit dem architektonischen Erbe zweier Diktaturen leben

Am 20. Juni 1991 entscheidet sich der Deutsche Bundestag für Berlin als künftige Hauptstadt Deutschlands. Erste Diskussionen über den Umgang mit historischen Gebäuden und Ensembles der alten Reichshauptstadt finden statt.

Das Gebäude, das Reichsluftfahrtministerium und Haus der Ministerien in sich beherbergte, soll mit Beschluss des Gemeinsamen Ausschusses von Bund und Berlin im Jahr 1993 abgerissen werden und ein Neubau auf seinem Gelände errichtet werden.

Am 1. Juni 1994 ergeht der Beschluss, das Gebäudeensemble nicht abzureißen. Es soll Sitz des Bundesministeriums der Finanzen und saniert werden. Ab 1996 beginnen die Sanierungsarbeiten.

Die Diskussion lebt 1999 noch einmal auf, als die Bundesregierung den Wechsel der Ministerien nach Berlin beschließt und nahezu gleichzeitig entscheidet, auf kostspielige Neubauten zu verzichten und statt dessen historische Altbauten nutzen will, auch solche mit belasteter Vergangenheit. Im selben Jahr wechselt der Bundesfinanzminister Hans Eichel nach Berlin. Der Bundesrat zieht 2000 in den Nordteil des Gebäudeensembles an der Leipziger Straße ein.

Bonn, Betriebsfest Bundesministerium der Finanzen
Betriebsfest des Bundesministerium der Finanzen, Bundesminister der Finanzen Dr. Theodor Waigel erhält einen Bierorden. Bonn 1990
Bundesarchiv Bild-F085288-0018 / Fotograf: Christian Stutterheim / Lizenz CC-BY-SA 3.0

„Häuser können nichts dafür, wenn sie von Diktatoren gebaut werden. Der Stil des Hauses war ja in Deutschland an mehreren Stellen vertreten. Man kann den Stil eines Architekten nicht ohne Weiteres zurückführen auf die Gesinnung der Auftraggeber“, sagt Dr. Theodor Waigel (CSU) in einem Gespräch, abgedruckt in der Broschüre „Das Detlev-Rohwedder-Haus – Spiegel der deutschen Geschichte“ des Bundesministeriums der Finanzen im August 2015.

Der Architekturstil Ernst Sagebiels, Mitglied der NSDAP und der SA, wird auch „Luftwaffenmoderne“ genannt und verweist auf seine mannigfaltige Tätigkeit als Architekt während der NS-Zeit. Die Äußerung Waigels wird in diesem Zusammenhang auch als Verharmlosung von Gesinnungsarchitektur verstanden. Dies entspricht etwa der Verharmlosung von DDR-Gesinnungsarchitektur durch SED-Nachfolgeorganisationen und Teilen der SPD.

Die offizielle Entscheidung fällt „aus Kostengründen“: Erhaltung und Renovierung sind preiswerter als Abriss und Neubau. Sie fällt zu einem Zeitpunkt, an dem das Amt für Denkmalschutz schon längst reagiert hat. Das Bauwerk des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums, des Hauses der Ministerien ist unter Denkmalschutz gestellt.

Haupteingang Detlev Rohwedder Haus
Detlev-Rohwedder-Haus, Berlin 2006
© Marlen Wagner

Ab Mitte 1990 wird das seit der Wiedervereinigung Deutschlands namenlose Gebäude Sitz der Treuhandanstalt (THA). Detlev Karsten Rohwedder, Präsident der THA seit August 1990, will für eine schnelle Privatisierung und entschlossene Sanierung der noch zu rettenden Betriebe aus der Konkursmasse der ehemaligen DDR sorgen, und für die behutsame Stilllegung der nicht zu rettenden.

Sitz der Treuhand

Am 1. April 1991 wird Rohwedder von einem Mitglied der RAF ermordet – das Gebäude erhält den Namen Detlev-Rohwedder-Haus. Ende 1994 wird die Treuhand unter Rohwedders Nachfolgerin Birgit Breuel aufgelöst. Die Ergebnisse Bemühungen der THA werden in Ost und West sehr unterschiedlich gewertet: 8 000 Unternehmen sind privatisiert, 3 700 Betriebe geschlossen, zwei Drittel der Arbeitsplätze gibt es nicht mehr.

Des Weiteren ziehen kurz nach der Feier zur Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 der Bundesrechnungshof, die Oberfinanzdirektion Berlin und die Berliner Außenstelle des Bundesfinanzministerium ein.

 Gedenken an den 17. Juni 1953

Seit dem 16. Juni 2000 konterkariert das „Denkmal für die Ereignisse des siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig“ des Berliner Künstlers und Dozenten Wolfgang Rüppel (*1942) das Kachelmosaik Max Lingers auf dem Vorplatz zur Leipziger Straße. Rüppel entwirft einen 24 Meter langen hinterleuchteten Glasstreifen, gerahmt von einer 40 Zentimeter hohen Einfassung, der eine historische Fotografie zeigt: die geschlossenen Reihen der Demonstrierenden am 17. Juni 1953. Der Glasstreifen nimmt die Abmessungen des Kachelmosaiks Lingens auf.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Bundesministrium der Finanzen: Die Geschichte des Detlev-Rohwedder-Hauses, Website
  • Bundesministrium der Finanzen (2015): Das Detlev-Rohwedder-Haus – Spiegel der deutschen Geschichte, PDF
  • Bushart, Magdalena (Bearb.) (1984): Skulptur und Macht : figurative Plastik im Deutschland d. 30er u. 40er Jahre ; e. Ausstellung im Rahmen d. Gesamtprojekts d. Akad. d. Künste „Das war ein Vorspiel nur …“ vom 8. Mai – 3. Juli 1983 ; Städt. Kunsthalle Düsseldorf, 10. Februar – 18. März 1984 / [hrsg. von d. Städt. Kunsthalle Düsseldorf. Ausstellung u. Katalog: Arbeitsgruppe: Magdalena Bushart … Katalog-Gestaltung: Barbara Volkmann. Mitarb.: Lutz Behrendt u. a., DNB
  • Dittrich, Elke (2005): Ernst Sagebiel. Leben und Werk (1892–1970), Berlin, Lukas
  • Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (1959): Wir sind die Kraft. Der Weg zur Deutschen Demokratischen Republik. Erinnerungen, Berlin, DNB
  • Nachama, Andreas (Hrsg.) (2012): Die Wilhelmstraße 1933–1945 – Aufstieg und Untergang des NS-Regierungsviertels, Stiftung Topographie des Terrors, 2012, Stiftung
  • Wagner, Volker (2001): Regierungsbauten in Berlin. Geschichte, Politik, Architektur, Berlin, be.bra

StandortWilhelmstraße 97
Architekt(en)Ernst Sagebiel
Erbaut1935/36
Nutzer
  • Reichsluftfahrtministerium (1935 bis 1945)
  • Sowjetische Militäradministration
  • Deutsche Wirtschaftskommission
  • Haus der Ministerien (DDR) (1945 bis 1989)
  • Treuhand (1991 bis 1994)
  • Bundesfinanzministerium (Detlev-Rohwedder-Haus) (seit 1999)
Vorgänger
  • Herrenhaus
  • Preußisches Kriegsministerium
  • Königliche Porzellanmanufaktur