Reichskanzlerpalais („Alte Reichskanzlei“)

Das Reichskanzler-Palais in der Wilhelmstraße 77, Berlin, um 1880
Das Reichskanzler-Palais in der Wilhelmstraße 77, Berlin, um 1880
F. Albert Schwartz (Fotografisches Atelier)
© Stiftung Stadtmuseum Berlin; Inv.-Nr.: IV 87/16 V

Im Besitz der Krone

Nach der Stadterweiterung um die sogenannte Friedrichstadt durch Friedrich Wilhelm I. (genannt der „Soldatenkönig“) werden die beiden Abschnitte der Wilhelmstraße unterschiedlich genutzt. Im südlichen Teil zwischen Landwehrkanal und Leipziger Straße siedeln sich böhmische Immigranten an. Der Nordabschnitt der Wilhelmstraße bleibt zunächst im Besitz der Krone. Hier stellt der König verdienten Generälen und Beamten des Reiches Grundstücke und Baumaterialien zur Verfügung und nötigt die so Beschenkten, repräsentative Palais errichten zu lassen. Für viele wird sich dieses königliche Wohlwollen als Danaergeschenk erweisen, dessen Unterhalt sie auf Dauer nicht finanzieren können (oder wollen).

Palais Schulenburg

Facade de Palais Schulenburg - Gartenfront,
Facade de Palais Schulenburg – Gartenfront, Wilhelmstraße 77, Berlin, 1736/39; Kupferstich
Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin
© Stiftung Stadtmuseum Berlin; Inv.-Nr.: VII 84/39 a-c R

Eines dieser Palais mit wechselvoller Geschichte wird 1738/39 (1736–1739 ???) durch den Baumeister und Architekten Carl Friedrich Richter (1701–1766) auf dem Grundstück Wilhelmstraße 77 (heute 93) errichtet. Ein Jahr zuvor hatte König Friedrich Wilhelm I. das Grundstück dem Kavalleriegeneral Adolf Friedrich Reichsgraf von der Schulenburg überlassen. Damit verknüpft ist eine Braugerechtigkeit, also das Privileg, hier Bier zu brauen und ausschenken zu lassen. Ob der General dieses Privileg je nutzte ist zweifelhaft, fällt er doch 1743 in der Schlacht bei Mollwitz während des ersten Schlesischen Krieges.

Das Palais trägt in der Folgezeit unterschiedliche Namen: Palais Schulenburg (nach dem Bauherren), Palais Radziwill (nach der Familie des letzten Erwerbers Antoni Henryk Radziwiłł ), Reichskanzlerpalais (nach der Funktion) und ab 1930 „Alte Reichskanzlei“.

Im Stil eines „Hôtel particulier“

Palais Schulenburg / Radziwill, 1830
Palais Schulenburg / Radziwill, 1830
Quelle: Spiker Berlin und seine Umgebung, Berlin 1833
Unknown author / Public domain; via Wikimedia

Carl Friedrich Richter entwirft ein repräsentatives Barockpalais, das nach dem Muster eines französischen „Hôtel particulier“ umgesetzt wird, eines privaten Stadthauses im Stil zwischen Wohnhaus und dem französischen „Palais“ gelegen. Letzteres berechtigt seinen Besitzer im Frankreich des 17./18. Jahrhunderts zur Hofhaltung und hat nichts gemein mit einem deutschen Palais, das eher als prachtvolles Herrenhaus – oder eben als Hôtel beschrieben werden kann.

Typisch ist die dreiflügelige Anlage des Gebäudes: ein Mittelbau mit sich rechts und links anschließenden Seitenflügeln, die den Vorhof von drei Seiten umschließen. Das Hauptgebäude ist horizontal strukturiert durch Kolossalpilater, die zwei Stockwerke übergreifen. Risaliten heben die Wichtigkeit des repräsentativ geschmückten Hauptgebäudes weiter hervor, ebenso wie das mächtige Giebelfeld über dem Eingang. Hohe mächtige Mansardendächer schließen sämtliche Gebäudeteile ab.

Zur Straße hin wird das Gelände durch einen reich verzierten schmiedeeisernen Zaun abgeschlossen.

Palais Fürst Radziwill (ehem. Palais Schulenburg), Grundriss Erdgeschoss
Palais Fürst Radziwill (ehem. Palais Schulenburg), Grundriss Erdgeschoss
Architekturmuseum TU Berlin, Inventarnummer: EK 263,002

Palais Radziwiłł

Luise Friederike von Preußen und Graf Anton Radziwiłł als junges Paar
Luise Friederike von Preußen und Graf Anton Radziwiłł als junges Paar
Unknown author / Public domain; via Wikimedia

Als Anton Radziwiłł und Luise Friederike von Preußen 1796 gegen alle Gepflogenheiten des Standesdünkels und Nationalismus heiraten, ist das Palais schon ein Jahr in Besitz des Grafen. Im Salon, den das Paar im „Palais Radziwiłł“ unterhält, treffen sich bekannte Künstler und Staatsmänner der Zeit: Johann Wolfgang von Goethe, Frederic Chopin, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Karl Friedrich Schinkel sind nur einige der Gäste, die im Salon des „polnischen Berlins“ erscheinen. Nach weiteren drei Generationen wird das Palais zu klein für die wachsende Familie und 1875 an das Deutsche Reich verkauft.

Reichskanzlerpalais

Das Palais wird Anfang der 1820er Jahre durch Karl Friedrich Schinkel im klassizistischen Stil umgestaltet. 1875 lässt der erste Reichskanzler des Deutschen Reiches, Otto von Bismarck (1815–1898), das Gebäude vom Deutschen Reich ankaufen und vom Regierungsrat von Mörner (1826–1907; ehemals Georg Wilhelm Neumann) grundlegend umbauen und erweitern. Ziel des Umbaus ist es, dem Reichskanzler eine angenmessene Residenz mit einer ihm zustehenden Wohnung, mit Repräsentations- und Arbeitsräumen für das neu gegründete Büro des Reichskanzlers (Reichskanzlei) zu schaffen.

Alte Reichskanzlei, Ausschnitt aus dem Film „Die Reichskanzlei“
© Christoph Neubauer

Bismarck nimmt 1878 hier seine Arbeit auf und lädt noch im selben Jahr die internationale Politik zur Balkankonferenz in sein Palais ein. Während das Palais zuvor durch die polnische Familie Radziwiłł vor allem ein Treffpunkt der kulturellen Eliten Europas war, wird das einstige Adelspalais nun zur Bühne internationaler Politik.

Während unter der Nutzung Bismarcks und seiner Nachfolger das Palais nur unter praktischen Gesichtspunkten verändert wird, beauftragt Reichskanzler Bülow 1903 den Architekten Ernst von Ihne, das Palais in seinem Inneren grundlegend umzugestalten.

Weitere größere Umbauten erfolgen erst wieder während der Errichtung der neuen Reichskanzlei 1928–1930. Ihr Architekt Eduard Jobst Siedler gestaltete in diesem Zusammenhang auch die beiden südlichen Anbauten des Reichskanzlerpalais um. Mit der Fertigstellung des Erweiterungsbaus (Neue Reichskanzlei) wird das Reichskanzlerpalais 1930 zur Alten Reichskanzlei.

Alte Reichskanzlei, Ausschnitt aus dem Film „Die Reichskanzlei“
© Christoph Neubauer

Umbau durch Paul Ludwig Troost

In den Jahren 1934/1935 lässt Adolf Hitler auch die restlichen Räume der Alten Reichskanzlei renovieren und umgestalten. Paul Ludwig Troost verlagert die Empfangsräume des Reichskanzlers in das Erdgeschoss und verdoppelt dabei auch die Größe des alten Gartensaals durch einen Wanddurchbruch. Hitlers Wohnung wird im Obergeschoss, im nördlichen Bereich des Mittelbaus, eingerichtet. Im Obergeschoss des südlichen Bereichs des Mittelbaus und in seinen Seitenflügeln werden Hitlers Dienstarbeitszimmer mit Adjutantur, Wartezimmer und Besprechungszimmer eingerichtet. Während der Umbauten durch Troost arbeitet Albert Speer parallel am Umbau der Räumlichkeiten in der benachbarten Neuen Reichskanzlei (1930). Da er dabei dort den Kabinettsitzungssaal als Büroraum nutzt, verlagert man den Kabinettsitzungssaal in den Kongresssaal der Alten Reichskanzlei. Das Äußere des Palais bleibt während dieser Umbauphase im Wesentlichen unangetastet, denn Troost errichtet als einzige Erweiterung einen kleinen Wintergarten an der nördlichen Gartenfassade.

Auf der Baustelle der Alten und Neuen Reichskanzlei (1930) begegnen sich Adolf Hitler und Albert Speer zum ersten Mal. Nach dem Tod des Architekten Paul Ludwig Troost (1878–1934) wird der Umbau der Alten Reichskanzlei von Troosts Witwe Gerdy und seinem Büroleiter Leonard Gall abgeschlossen.

Der Garten der Alten Reichskanzlei, Ausschnitt aus dem Film „Die Reichskanzlei“
© Christoph Neubauer

Wie schon fast alle Reichskanzler vor ihm lebt und arbeitet Hitler in der Alten Reichskanzlei: In der ersten Etage befinden sich sein privates Arbeitszimmer, das Schlafzimmer, das Bad und später auch ein Zimmer für Eva Braun. Damit beerbt Hitler auch für das alltägliche Leben die Machthaber des Deutschen Reiches und macht seinen Anspruch auf den ihm als Repräsentanten Deutschlands zustehenden Lebensraum ganz deutlich.

1936 errichtet Leonard Gall einen neuen Saalanbau (Großer Speisesaal) auf dem angrenzenden Grundstück des Auswärtigen Amtes. Der Große Speisesaal wird durch einen Wintergarten mit dem Speisesaal der Führerwohnung verbunden und dient bis zur Fertigstellung der Neuen Reichskanzlei (1939) als Veranstaltungssaal für Hitlers Staatsempfänge in seiner Berliner Wohnung. In den Kellern des Großen Speisesaals errichtet Gall zudem einen Luftschutzbunker für die Bewohner und Angestellten der Alten Reichskanzlei.

Die Alte Reichskanzlei bildet in der NS-Zeit zusammen mit der Neuen Reichkanzlei, dem neuen Großen Speisesaal, dem Führerbunker und dem Gartenareal im Nordwesten ein Gebäudeensemble.

Garten und Großer Speisesaal der Alten Reichskanzlei, Ausschnitt aus dem Film „Die Reichskanzlei“
© Christoph Neubauer

Ahnungslos tanzen die Festgäste auf Hitlers Bunker. Die Alte Reichskanzlei wird noch bis in das Jahr 1945 ständig in einigen baulichen Details von Albert Speer und Leonhard Gall weiter verändert. 1948 wird die Alte Reichskanzlei mit all ihren Anbauten abgerissen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Demps, Laurenz (1994): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, DNB
  • Engel, Helmut; Ribbe, Wolfgang (1997): Geschichtsmeile Wilhelmstraße, Berlin, BWV
  • Luisenstädtischer Bildungsverein: Stichwort Reichskanzlei, Luise
  • Nachama, Andreas (Hrsg.) (2012): Die Wilhelmstraße 1933–1945 – Aufstieg und Untergang des NS-Regierungsviertels, Stiftung Topographie des Terrors, 2012, Stiftung
  • Neubauer, Christoph (2008): Die Reichskanzlei, Atelier Neubauer, Website
  • Neubauer, Christoph (2010): Stadtführer durch Hitlers Berlin. Gestern & Heute. Frankfurt (Oder), Atelier Neubauer
  • Neubauer, Christoph (2014): Die Reichskanzlei-Architektur der Macht / Band 1 (1733-1875, Großschönau, Verlag
  • Wilderotter, Hans (1998): Alltag der Macht, Berlin, DNB

Standort Wilhelmstraße 77 (heute 93)
Architekt(en)
  • Carl Friedrich Richter
  • Konrad Wiesend
  • Wilhelm von Mörner
  • Ernst von Ihne
  • Eduard Jobst Siedler
  • Paul Ludwig Troost
  • Gerdy Troost
  • Lonhard Gall
  • Albert Speer
Erbaut1738/39
Zustandabgerissen 1948
Nutzer
  • Reichsgraf von der Schulenburg (1738–1743)
  • Gräfin Sophie Julie von Dönhoff (1792–1795)
  • Graf Radziwiłł und Familie (1795–1820)
  • Wohn- und Amtssitz des jeweiligen Reichskanzlers des Kaiserreiches (1875–1918)
  • Geschäftszentrale des Bundeskanzlers der Weimarer Republik(1918–1932)
  • vorübergehend Dienstwohnung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1932/33)
  • Adolf Hitler (1935–1945)
Ensemble
NachfolgerDDR-Plattenbauten
Auftraggebervon Schulenburg