Reichskanzlerpalais („Alte Reichskanzlei“)

Alte Reichskanzlei in der Wilhelmstraße, Berlin
Bundesarchiv, Bild 146-1998-013-20A / Fotograf: Unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Ursprünglich als ein barockes Adelspalais in der Mitte des 18. Jahrhunderts errichtet wird das Reichskanzlerpalais Anfang der 1820er Jahre durch Karl Friedrich Schinkel im klassizistischen Stil umgestaltet. 1875 lässt der erste Reichskanzler des Deutschen Reiches, Otto von Bismarck (1815–1898), das Gebäude vom Deutschen Reich ankaufen und vom Regierungsrat von Mörner (1826–1907; ehemals Georg Wilhelm Neumann) grundlegend umbauen und erweitern. Ziel des Umbaus ist es, dem Reichskanzler eine repräsentative Residenz mit einer ihm zustehenden Wohnung, Repräsentationsräumen und Büroräumen für das neu gegründete Büro des Reichskanzlers (Reichskanzlei) zu schaffen.

Bismarck nimmt 1878 hier seine Arbeit auf und lädt noch im selben Jahr die internationale Politik zur Balkankonferenz in sein Palais ein. Während das Palais zuvor durch die polnische Familie Radziwill vor allem ein Treffpunkt der kulturellen Eliten Europas war, wird das einstige Adelspalais nun zur Bühne internationaler Politik.

Alte Reichskanzlei, Ausschnitt aus dem Film „Die Reichskanzlei“
© Christoph Neubauer

Während unter der Nutzung Bismarcks und seiner Nachfolger das Palais nur unter praktischen Gesichtspunkten verändert wird, beauftragt Reichskanzler Bülow 1903 den Architekten Ernst von Ihne, das Palais in seinem Inneren grundlegend umzugestalten.

Weitere größere Umbauten erfolgen erst wieder während der Errichtung der neuen Reichskanzlei 1928–1930. Ihr Architekt Eduard Jobst Siedler gestaltete in diesem Zusammenhang auch die beiden südlichen Anbauten des Reichskanzlerpalais um. Mit der Fertigstellung des Erweiterungsbaus (Neue Reichskanzlei) wird das Reichskanzlerpalais 1930 zur Alten Reichskanzlei.

In den Jahren 1934/1935 lässt Adolf Hitler auch die restlichen Räume der Alten Reichskanzlei renovieren und umgestalten. Paul Ludwig Troost verlagert die Empfangsräume des Reichskanzlers während des Umbaus in das Erdgeschoss und verdoppelt dabei auch die Größe des alten Gartensaals durch einen Wanddurchbruch. Hitlers Wohnung wird im Obergeschoss, im nördlichen Bereich des Mittelbaus, eingerichtet. Im Obergeschoss des südlichen Bereichs des Mittelbaus und in seinen Seitenflügeln werden Hitlers Dienstarbeitszimmer mit Adjutantur, Wartezimmer und Besprechungszimmer eingerichtet. Während der Umbauten durch Troost arbeitet Albert Speer parallel am Umbau der Räumlichkeiten in der benachbarten Neuen Reichskanzlei (1930). Da er dabei dort den Kabinettsitzungssaal zu einem Büroraum umnutzt, verlagert man den Kabinettsitzungssaal in den Kongresssaal der Alten Reichskanzlei. Das Äußere des Palais bleibt während dieser Umbauphase im Wesentlichen unangetastet, denn Troost errichtet als einzige Erweiterung einen kleinen Wintergarten an der nördlichen Gartenfassade.

Auf der Baustelle der Alten und Neuen Reichskanzlei (1930) begegnen sich Adolf Hitler und Albert Speer zum ersten Mal. Nach dem Tod des Architekten Paul Ludwig Troost (1878–1934) wird der Umbau der Alten Reichskanzlei von Troosts Witwe Gerdy und seinem Büroleiter Leonard Gall fertig gestellt.

Der Garten der Alten Reichskanzlei, Ausschnitt aus dem Film „Die Reichskanzlei“
© Christoph Neubauer

Wie schon fast alle Reichskanzler vor ihm lebt und arbeitet Hitler in der Alten Reichskanzlei: In der ersten Etage befinden sich sein privates Arbeitszimmer, das Schlafzimmer, das Bad und später auch ein Zimmer für Eva Braun. Damit beerbt Hitler auch für das alltägliche Leben die Machthaber des Deutschen Reiches und macht seinen Anspruch auf den ihm als Repräsentanten Deutschlands zustehenden Lebensraum ganz deutlich.

1936 errichtete Leonard Gall einen neuen Saalanbau (Großer Speisesaal) auf dem angrenzenden Grundstück des Auswärtigen Amtes. Der Große Speisesaal wird durch einen Wintergarten mit dem Speisesaal der Führerwohnung verbunden und dient bis zur Fertigstellung der Neuen Reichskanzlei (1939) als Veranstaltungssaal für Hitlers Staatsempfänge in seiner Berliner Wohnung. In den Kellern des Großen Speisesaals errichtet Gall zudem einen Luftschutzbunker für die Bewohner und Angestellten der Alten Reichskanzlei.

Die Alte Reichskanzlei bildet in der NS-Zeit zusammen mit der Neuen Reichkanzlei, dem neuen Großen Speisesaal, dem Führerbunker und dem Gartenareal im Nordwesten ein Gebäudeensemble.

Garten und Großer Speisesaal der Alten Reichskanzlei, Ausschnitt aus dem Film „Die Reichskanzlei“
© Christoph Neubauer

Ahnungslos tanzen die Festgäste auf Hitlers Bunker. Die Alte Reichskanzlei wird noch bis in das Jahr 1945 ständig in einigen baulichen Details von Albert Speer und Leonhard Gall weiter verändert. 1948 wird die Alte Reichskanzlei mit all ihren Anbauten abgerissen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Demps, Laurenz (2010): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, Berlin, CH.Links
  • Engel, Helmut; Ribbe, Wolfgang (1997): Geschichtsmeile Wilhelmstraße, Berlin, BWV
  • Luisenstädtischer Bildungsverein: Stichwort Reichskanzlei, Luise
  • Nachama, Andreas (Hrsg.) (2012): Die Wilhelmstraße 1933–1945 – Aufstieg und Untergang des NS-Regierungsviertels, Stiftung Topographie des Terrors, 2012, Stiftung
  • Neubauer, Christoph (2008): Die Reichskanzlei, Atelier Neubauer, Website
  • Neubauer, Christoph (2010): Stadtführer durch Hitlers Berlin. Gestern & Heute. Frankfurt (Oder), Atelier Neubauer
  • Neubauer, Christoph (2014): Die Reichskanzlei-Architektur der Macht / Band 1 (1733-1875, Großschönau, Verlag
  • Wilderotter, Hans (1998): Alltag der Macht, Berlin, DNB

Standort Wilhelmstraße 93
Architekt(en)
  • Konrad Wiesend
  • Wilhelm von Mörner
  • Ernst von Ihne
  • Eduard Jobst Siedler
  • Paul Ludwig Troost
  • Gerdy Troost
  • Lonhard Gall
  • Albert Speer
Erbautnach 1739
Zustandabgerissen 1948
Ensemble
NachfolgerDDR-Plattenbauten
Auftraggebervon Schulenburg