Die Reichskanzlei

Die Voßstraße vor und nach dem Bau der Neuen Reichskanzlei, Ausschnitt aus dem Film „Die Reichskanzlei“
© Christoph Neubauer

In der NS-Zeit gehören zum Ensemble der Reichskanzlei die Gebäude und Flächen der Alten Reichskanzlei mit dem im Garten des Auswärtigen Amtes errichteten Großen Speisesaal und dem Führerbunker und der Neuen Reichskanzlei, die am Wilhelmplatz aus den Fassaden des Erweiterungsbaus von 1930 und denen des Borsigpalais bestand, und in der Voßstraße aus der Präsidialkanzlei, dem Führerbau und der Reichskanzlei. Die Wohnbauten der Begleitmannschaften wurden namentlich auch unter dem Oberbegriff „Neue Reichskanzlei“ geführt.

Das Ensemble ist sicherlich das architektonisch und stadtplanerisch bekannteste der realisierten NS-Bauprojekte im Zentrum Berlins. Heute sind von diesem Ensemble lediglich Reste der Tiefkeller und einiger Bunkeranlagen geblieben. Sein Areal überlappt sich mit etlichen gegenwärtigen Flächen von Ensembles oder Gebäudekomplexen: z. B. mit den Landesvertretungen in den Ministergärten und den DDR-Plattenbauten.

Am Ort des Eingangsbereichs der Reichskanzlei (westlicher Verwaltungsbau) im Ensemble der Neuen Reichskanzlei findet sich heute z. B. die Botschaft Singapurs, am Ort der Wohnbauten der Begleitmannschaften das Ottobock Science Center Berlin.

Übersichtsplan (rot markiert: Führerbunker)
© Christoph Neubauer

Das Ensemble der Reichskanzlei:

  1. Führerbau
  2. Eingang zur Reichskanzlei
  3. Eingang zur Präsidialkanzlei
  4. Wohnbauten der Begleitmannschaften
  5. Hebebühne mit LKW-Einfahrt in die Kelleranlagen
  6. Gartenportal vor Hitlers Arbeitszimmer
  7. Bauzufahrt in den Park der Reichskanzlei
  8. Zufahrt – Tiefgarage und Führerbunker
  9. Einfahrt – Tiefgarage und Feuerwehr
  10. Zufahrt Führerbunker
  11. Wohnhaus für Angestellte der Reichskanzlei
  12. Orangerie
  13. Ehrenhof
  14. Großer Speisesaal mit Wintergarten
  15. Alte Reichskanzlei
  16. Speisesaal
  17. Propagandaministerium
  18. Erweiterungsbau zur Reichskanzlei von 1930
  19. U-Bahn-Eingang Wilhelmplatz
  20. Kaufhaus Wertheim
  21. Leipziger Platz
  22. Ministergärten
  23. Tiergarten
  24. Hermann-Göring-Straße
  25. Voßstraße
  26. Wilhelmstraße

Das architektonische Rätsel des Ensembles der Reichskanzlei

Das Ensembleareal der Reichskanzlei ist für heutige und zukünftige architektonische und städtebauliche Initiativen an diesem Ort von großer historischer Bedeutung. Die Veränderung der preußischen Bebauung mittels radikaler Umgestaltungen durch die NS-Architektur, Kriegszerstörungen, Sprengungen in der Nachkriegszeit, die Anlage von Schneisen als Todesstreifen und die Bautätigkeiten der DDR-Zeit münden in die gegenwärtige Entwicklung des Areals.

Das Ensemble der Reichkanzlei selbst gibt nach wie vor Rätsel auf – und die Erklärungen für ihr Zustandekommen sind vielfältig. Handelt es sich z. B. beim Ensemble der Reichskanzlei nur um eine Vorstufe zu jener gigantischen Attrappen- und Lagerarchitektur (Klaus Heinrich), mit der Speer und Hitler mit einer „Germania“ Berlin überwölben und besetzen wollten? Oder ist es schlicht die konsequente Rückwendung zur klassischen Antike dorischer Prägung? Oder wird hier die Willfährigkeit der Architektur Schinkels konsequent für die Repräsentationsarchitektur des NS genutzt? Oder wird einer „dezenten“ und „harmonischen“ sowie „filigranen“ „Kleinteiligkeit der Architektur“ eine „unerbittlich“ „massige Architektur“ gegenübergestellt, „die im schrillen Ton ihrer Formensprache ’staatliche Zentralgewalt‘ signalisierte“ (Wolfgang Schäche)?
Von der Beantwortung solcher Fragen hängt viel für die Perspektiven ab, die sich in Zukunft im und für das Areal Wilhelmstraße bieten.

Vom Borsigpalais am Wilhelmplatz aus führen die Fassaden der Neuen Reichskanzlei den Baustil der italienischen Neorenaissance des Borsigpalais in einer modernen Fassung in westlicher Richtung über die gesamte Länge der Voßstraße weiter. Von der Hermann-Göring-Straße (bis 1933 und heute wieder „Ebertstraße“) aus gesehen wirkt der Bau völlig anders. So wird z. B. das Borsigpalais aus dieser Sichtachse von dem Neubau der Neuen Reichskanzlei vollständig verdeckt und der Neubau wirkt von hier wie ein einziger eigenständiger Bau, der bis zum Wilhelmplatz reicht. Für manche Betrachter scheint es Speer so zu gelingen, mittels zweier Blickwinkel das neue Regime sowohl in eine historisch legitimierende Tradition zu stellen, als auch den Aufbruch in eine neue Zeit architekturbildlich auszudrücken.

Verschüttete Geschichte?

40 Jahre lang verläuft die Berliner Mauer quer über die Grundmauern der Neuen Reichskanzlei in der Voßstraße. Seit der Wiedervereinigung Stück für Stück demontiert, ist von ihr nichts mehr zu sehen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges liegt dieser Ort wie alle ihn umgebenden brach. Erst in den späten 1980er Jahren plant die DDR das Gesamtensemble der Wohnungsbauserie 70 (WBS 70). Am Ort des Ehrenhofes der ehemaligen Neuen Reichskanzlei befindet sich nun eine Kindertagesstätte, die integraler Bestandteil des Wohnkomplexes der Plattenbauten der Wilhelmstraße ist.

Kita in der Voßstraße
© Marlen Wagner

Auf dem östlichen Reichskanzleigelände werden ab 1989 die DDR-Plattenbauten errichtet. Dafür werden die Keller der Alten und Neuen Reichskanzlei in diesem Bereich bis zu acht Meter tief ausgegraben.
Seit 1998/2001 stehen die Vertretungen der deutschen Bundesländer auf dem westlichen Gelände der ehemaligen Reichskanzlei. Eine Erinnerung auch daran, dass durch Speer 1937 bis 1938 die Gesandtschaften Bayerns, Württembergs und Sachsens abgerissen wurden? Auch ein Gebäude mit Namen Mosse-Palais mit der postalischen Adresse „Leipziger Platz 15“ gibt es seit 1998 wieder in der Voßstraße.

Soll jede Spur der historischen Bebauung beseitigt werden? Doch es scheint, als würden die Bunkeranklagen des Areals darauf warten, eine verschüttete Geschichte zu bezeugen, die weder verdrängt noch bewältigt werden kann. Aufgabe ist es vielmehr, sie in der aktuellen und zukünftigen Arealentwicklung zu erinnern und auch architektonisch und städtebaulich durchzuarbeiten.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Demps, Laurenz (2010): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, 4. Auflage, Berlin, CH.Links
  • Erweiterung der Reichkanzlei. Veranstaltung eines Preisausschreibens, in: Vossische Zeitung, 19.01.1927, Staatsbibliothek Berlin
  • Heinrich, Klaus (2015): Schinkel / Speer. Zum Verhältnis von ästhetischem und transzendentalem Subjekt. Karl Friedrich Schinkel – Albert Speer. Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS. Dahlemer Vorlesungen, Aachen, archplus
  • Nachama, Andreas (Hrsg.) (2012): Die Wilhelmstraße 1933–1945 – Aufstieg und Untergang des NS-Regierungsviertels, Stiftung Topographie des Terrors, 2012, Stiftung
  • Neubauer, Christoph (2008): Die Reichskanzlei, Atelier Neubauer, Website
  • Reichhardt, Hans J./Schäche, Wolfgang (1998): Von Berlin nach Germania. Über die Zerstörungen der Reichshauptstadt durch Albert Speers Neugestaltungsplanungen, 6. völlig überarbeitete und erweiterte Neuauflage, Berlin, Transit
  • Rosenberg, Raphael (2009): Architekturen des „Dritten Reiches“, Völkische Heimatideologie versus internationale Monumentalität, Überarbeitete Fassung eines Vortrags, der 2003 und 2004 an den Universitäten Bamberg, Freiburg und Heidelberg gehalten wurde. Die schriftliche Fassung wurde im März 2009 eingereicht für: Helge Batt et al. (Hg.), Die Politik in der Kunst und die Kunst in der Politik, Wiesbaden, PDF
  • Schönberger, Angela (1978): Die neue Reichskanzlei von Albert Speer. Zum Zusammenhang von nationalsozialistischer Ideologie und Architektur, Berlin (Zugleich: Berlin, Freie Universität, Dissertation, 1978), Bibliothek