Quarré No. 6 (1737–1945)

Sieburg'sche Baumwollmanufaktur
Sieburg’sche Baumwollmanufaktur;
Auszug aus der Lindenrolle; Aufbewahrungsort: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Graphische Sammlung; Lizenz PD-old-70

1737 wird ein Gebäude am Quarre No. 6 errichtet, das im Laufe seiner Geschichte häufig den Besitzer wechselt und mannigfaltige Veränderungen erfährt. Besitzer und Auftraggeber ist der Stadtpräsident und Vizepräsidenten der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer Heinrich Adam von Neuendorf, der seinen Auftrag vermutlich an den Architekten Johann Philipp Gerlach (1679–1748) vergibt, auf den auch die Gestaltung der drei großen Plätze Berlins (Quarre/Pariser Platz, Oktogon/Leipziger Platz, Rondell/Mehring Platz) zurückgehen. Von Neuendorfs Grundstück umfasst zu dieser Zeit die Grundstücke Quarre 6 und 7.

Das neue Gebäude am Quarre hat neunzehn Fensterachsen, einen auffallenden Mittelrisalit, der durch eine mit Pilastern verzierte dreiachsige Vorfahrt betont wird. Es wird zu einem der großzügigsten Stadtpalais an der Randbebauung des Quarres.

Sieburgsche Baumwollmanufaktur

1765 erwirbt der risikobereite und innovative Berliner Kaufmann und Unternehmer Johann Georg Sieburg Gebäude und Grundstück Quarré No. 6/7 von der Witwe von Neuendorfs. Er erhält die Baugenehmigung für eine Fabrikanlage auf dem Grundstück und errichtet eine Kattunmanufaktur, deren Anlagen er 1769 auch auf das hinzu erworbene Grundstück Casernen Straße No. 2 ausdehnt.

Neue anschauliche Tabellen von der gesamten Residenz- Stadt Berlin, oder Nachweisung aller Eigenthümer. Verfasser: Neander von Petersheiden, Karl Erschienen: Berlin: Späthen, 1801
Digitalisierung ZLB / http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-1039241

Sieburg führt in seiner Manufaktur diverse Neuerungen ein: Um 1780 importiert er eine Sinnmaschine aus England und revolutioniert das Bedrucken der Stoffe, indem er sich um den Anbau von Färberpflanzen in Preußen bemüht. Ab 1797 nutzt er als erster deutscher Fabrikant Dampfkraft zum Antrieb seiner Maschinen. Nach seinem Tod 1801 wird die Produktion durch verschiedene Mitglieder der Familie weitergeführt. Die Erben können jedoch die Kredite nicht tilgen und deren aufgelaufene Zinsen erst mittels eines Zahlungsaufschubs.

Lagelpan mit Sieburg'scher Kattunfabrik
Neue anschauliche Tabellen von der gesamten Residenz- Stadt Berlin, oder Nachweisung aller Eigenthümer. Verfasser: Neander von Petersheiden, Karl Erschienen: Berlin: Späthen, 1801
Digitalisierung ZLB / http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-1039172

1805 erfolgt deshalb die Reduzierung der Manufaktur: Die Dampfmaschine wird abgebrochen, die Spinnmaschinen demontiert. Das, was übrigbleibt, firmiert nun als „Kattun- und Zeugdruckerei Sieburg Witwe, Quarré 6“ bis die Fabrik 1815 schließlich stillgelegt wird.

Bis 1842 erfolgen zwei weitere Besitzerwechsel: 1827 werden die neuen Eigentümer die Destillateure Christian Friedrich und Johann Heinrich Moewes; 1842 erwirbt der Zimmermeister Carl August Heinrich Sommer beide Grundstücke.

Trennung der Grundstücke

1844 trennt Sommer einen Teil der Fläche ab und legt die »Verlängerte Dorotheenstraße« an. Das Gelände wird parzelliert: 1846 erfolgt die Trennung der Grundstücke Pariser Platz 6 und Pariser Platz 7. 1857 erwirbt der Kattun- und Garnfabrikant Louis Liebermann (1819–1894) das Grundstück Pariser Platz 7.

Nordseite des Pariser Platzes 1875 mit den Umbauten durch Stüler
Fotograf: F. A. Schwartz, 1875; Lizenz PD-old-70

Die bestehenden Gebäude werden baulich verändert. Der Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler (1800–1865) erhält den Auftrag, Entwürfe für die Umbauten zu erstellen. Trotz großer Bedenken, die umgestalteten Gebäude könnten das Gesamtbild des Pariser Platzes – vor allem in direkter Nähe zum Brandenburger Tor – negativ verändern, erhält Sommer 1844 den Bauerlaubnisschein für alle Gebäude. Sie werden um ein Stockwerk erhöht und erhalten Fassaden im Stil des formalen Klassizismus.

1850 wird das Grundstück Pariser Platz 6 geteilt. Das so neu entstandene Grundstück erhält die Hausnummer 6a und das Gebäude einen neu aufgesetzten Turm.

1869 erwirbt der Bankier Magnus Hermann das Grundstück Pariser Platz Nr. 6 für 250 000 Taler und verkauft es 1891 an den Geheimen Kommerzienrat Emil Stephan. Dieser verkauft seinerseits 1895 an den Bergbau- und Fabrikbesitzer und Kaufmann Friedrich Victor (Fritz) von Friedländer-Fueld. Von Friedländer-Fueld lässt einen Teil der auf dem Grundstück befindlichen Gebäude abreißen, um neu zu bauen.

Umbau durch Ernst von Ihne

Er beauftragt den Architekten Ernst von Ihne (1848–1917), neben der Französischen Botschaft ein neues Gebäude im Stil der französischen Stadtpalais zu entwerfen. Auch im Hof werden Veränderungen vorgenommen: Ein Theatersaal wird um 1900 nach hinten an das Palais angebaut. Dieser Saal wird 1926 vom Architekten Alfred Breslauer in eine zweigeschossige Wohnung für von Friedländer-Fuelds Tochter, Marie Anne von Goldschmidt-Rothschild (1892–1972), umgebaut.

Pariser Platz 6-7
Architekturmuseum TU Berlin, Inventarnr. F_0058

Marie Anne von Goldschmidt-Rothschild ist eine Frau ihrer Zeit. Sie sammelt zeitgenössische Kunst (van Gogh, Cézanne, Gaugin, Rodin und Picasso) und lässt ihre Wohnung von Paul Poiret (1879–1944), dem Pariser Modeschöpfer und Gestalter ausstatten. Führende Mitglieder der Berliner Gesellschaft sind ebenso Gäste im Salon der Mäzenin wie junge Künstler und Künstlerinnen.

Alma-Mahler Werfel erzählt ironisch nach einem Besuch:

„Gestern war ich bei der Goldschmidt-Rothschild. Sie hat ‚nur‘ die ‚Arlesienne‘ von van Gogh, einen fabelhaften Frans Hals, zwei Holbeins, Toulouse-Lautrec, Monet und Manet.“ (Werfel, Alma-Mahler 1996)

Im Februar/März 1938 verlässt Marie Anne von Goldschmidt-Rothschild die exponiert liegende Wohnung am Pariser Platz und kommt bis Oktober bei der Schauspielerin Käthe von Nagy unter. Dann verlässt sie Deutschland für immer. Knapp ein Jahr später verkauft der der Makler Ernst Hirsche die Häuser am Pariser Platz an die Stadt Berlin.

Nach dem Krieg liegt der Pariser Platz in Trümmern. Der Antrag auf Entschädigung auf die Häuser am Pariser Platz, die jetzt im sowjetischen Sektor Berlins liegen und nur noch Ruinen sind, wird 1967 zurückgenommen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Demps, Laurenz (1995), Der Pariser Platz; DNB
  • Der Empfangssalon Berlins, in: Märkische Allgemeine Zeitung, 11. Oktober 1996, PDF
  • Hahn, Matthias: Schauplatz der Moderne. Berlin um 1800 – ein topographischer Wegweiser, Bd. 16, Reihe „Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800“, Studien und Dokumente, herausgegeben von der Berlin – Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, betreut von Conrad Wiedemann DNB
  • Sedlarz, Claudia (Hrsg.) (2008): Die Königsstadt. Stadtraum und Wohnräume in Berlin um 1800, DNB
  • Stüler, Friedrich August (1800–1865), in: Jahresbericht für Deutsche Geschichte, Website
  • Werfel, Alma-Mahler (1996): Mein Leben, Frankfurt am Main, DNB

StandortPariser Platz 6
Architekt(en)
  • vermutlich Johann Philipp Gerlach (1737)
  • Friedrich August Stüler (1844)
  • Ernst von Ihne (1895)
  • Breslauer und Salinger (1926)
Erbaut1737
Zustandzerstört im 2. Weltkrieg
Nutzer
  • Stadtpräsident und Vizepräsidenten der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer Heinrich Adam von Neuendorf
  • Baumwollmanufaktur Johann Georg Sieburg
  • Kattun- und Zeugdruckerei Sieburg Witwe
  • Destillateure Christian Friedrich und Johann Heinrich Moewes
  • Zimmermeister Carl August Heinrich Sommer
  • Bankier Magnus Hermann
  • Geheimen Kommerzienrat Emil Stephan
  • Bergbau- und Fabrikbesitzer und Kaufmann Friedrich Victor (Fritz) von Friedländer-Fueld
  • Marie Anne von Goldschmidt-Rothschild
  • Stadt Berlin
Ensemble
NachfolgerAllianz Forum
AuftraggeberHeinrich Adam von Neuendorf