Palais Schwerin / Reichspräsidentenpalais

Reichspräsidentenpalais, Wilhelmstrasse Nr. 73, 1939 Palais Schwerin (äußerlich unverändert als Reichspräsidentenpalais), Wilhelmstraße Nr. 73, 1939
Bundesarchiv, B 145 Bild-P014776 / Fotograf: A. Frankl; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Palais Schwerin

Das spätere Reichspräsidentenpalais entsteht als Palais Schwerin in der Wilhelmstraße 73. Der Geheime Finanz-, Kriegs- und Domänenrat Hans Bogislav von Schwerin (1683–1747) möchte dort freiwillig bauen und wendet sich an den König.

Am 26. Januar 1735 teilt Friedrich Wilhelm I. seinem General-Direktorium mit, er habe den Oberforst-Minister von Schwerin nicht nur mit dem neuen, höheren Titel des Land-Jägermeisters ausgezeichnet, sondern gebe auch die Anweisung

„… Ihm auch zu dem bau seines offerierten Hauses auf der Friedrich-Stadt die gesamten nöthigen Bau-Materialien nach der eingesandten pflichtmäßigen Designation, frey biß auff die BauStelle zu senden …“ (zitiert nach Demps 1994, S. 42)

Das Palais Schwerin wird zwischen den Palais des Kammergerichtsrats von Görne und dem des Kriegsrats von Kellner errichtet und im August desselben Jahres geht es als Erbverschreibung an Hans Bogislav von Schwerin und seinen Bruder, Feldmarschall Kurt Christoph von Schwerin.

Nach dem Vorbild französischer Adelspaläste

Entgegen der damaligen Gepflogenheit, die Palais mit der geschlossenen Hauptfront zur Straße auszurichten, beantragt von Schwerin, die Hauptfront seines Palais zurücksetzen zu dürfen. Das Gebäude besteht aus dem zurücktretenden Mittelbau, dem Wohnflügel, sowie zwei schmalen Flügelbauten und rechts und links an die Straßenfront anschließende niedrige Anbauten. Das Palais umschließt so einen großen offenen Bereich – den Ehrenhof. Zur Straße abgegrenzt wird das Grundstück durch ein mannshohes Eisengitter mit einer mittigen breiten Öffnung, die auf beiden Seiten von hohen Pfeilern mit darauf thronenden Sandsteinlöwen flankiert wird. Der Toröffnung gegenüber liegt der Haupteingang des Palais: der durch Pilaster gegliederte Mittelrisalit mit Portal, Attika und Wappenkartusche.

Reichspräsidentenpalais, Außenansicht Reichspräsidentenpalais, Außenansicht, 1932
Bundesarchiv, Bild 102-12993 / Fotograf: unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Erbaut wird das Palais im Stil des nachschlüterschen Barock durch den Dietrichs-Schüler und Berliner Baumeister Konrad Wiesend. Vorbild des Entwurf sind französische Adelspaläste.

Hinter dem Palais wird über die gesamte Breite des Gebäudes ein großer Garten gebaut, dessen Verlängerung in den Tiergarten mündet. Bunte Blumenbeete in regelmäßiger Anordnung zieren das Parterre, an das sich 10 000 Quadratmeter bewachsen mit üppigem Grün anschließen.

Park des Reichspräsidentenpalais, 1932 Park des Reichspräsidentenpalais, 1932
Bundesarchiv, Bild 102-13602 / Fotograf: unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Häufige Besitzerwechsel

Nach dem Tod Hans Bogislavs verkauft sein Bruder 1757 das Palais Stephan Peter Oliver Graf von Wallis. Danach geht es in den Besitz der Familie von Massow über.

Äußerlich unverändert wird das Palais von dem Staatsminister und Oberkammerherrn Karl Reichsgraf von Osten (genannt Sacken) ab 1777 bewohnt. Dieser lässt sein neues Domizil im Inneren umbauen, neu gestalten und reich ausstatten.

In der Hand des Staates

Nach weiteren Besitzerwechseln kauft Friedrich Wilhelm IV. 1858 das Anwesen als Wohn- und Amtssitz verschiedener Minister. Eingetragen wird der Besitz 1862 auf das Ministerium des Königlichen Hauses, 1871 als Kronfideicommiß des Königlich Preußisch-Brandenburgischen Hauses.

Reichspräsidentenpalais

1919 erwirbt das deutsche Reich das Palais. In der Weimarer Republik dient es von 1919 bis 1934 als Reichspräsidentenpalais und beherbergt Amts- und Wohnsitz des Reichspräsidenten bis zum Tod von Paul Hindenburg 1934. Eine Garage, kleine Gartenhäuser und Gewächshäuser sowie ein Hühnerstall vervollständigen den Sitz des ersten Reichspräsidenten der jungen Republik. Der linke Flügel des Gebäudes bietet Platz für dessen Büro und Repräsentationsräume. Im zentralen Teil befindet sich die Privatwohnung des Reichspräsidenten. Der Chef des Büros des Reichspräsidenten, Staatssekretär Otto Meissner, wohnt im rechten Seitenflügel.

NS-Zeit

Während des NS wird als Besitzer die Präsidialkanzlei eingetragen. 1939 geht es in den Besitz des Auswärtigen Amtes über, dient dem Reichsaußenminister als Dienstwohnung und wird umgebaut.

Eine Plauderecke im Arbeitszimmer des Reichspräsidenten, 1932 Eine Plauderecke im Arbeitszimmer des Reichspräsidenten, 1932
Bundesarchiv, Bild 102-12989 / Fotograf: unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Ungeliebtes Erbe in der DDR

Nach Ende des zweiten Weltkrieges stehen noch Fassaden und Innenmauern, sodass ein Wiederaufbau möglich wäre. Per Magistratsbeschluss wird das Palais 1947 als „erheblich beschädigt“ in der Liste kunsthistorischer Denkmäler geführt und bei Umbauarbeiten so beschädigt, dass 1949 das Amt der Denkmalpflege Protest einreicht. Daraufhin wird das Palais 1950 unter Denkmalschutz gestellt und gilt als deutsches Kulturerbe der DDR. Der für 1951 geplante Abriss wird verschoben. 1958 findet sich im Plan zum Aufbau des Stadtzentrums der Hauptstadt der DDR die Absicht, das inzwischen zu 48 Prozent zerstörte Gebäude zu einem Gästehaus des Berliner Magistrats umzubauen. Trotzdem beschließt der V. Parteitag der SED seinen Abriss, als „Vertrauliche Verschlußsache“ gekennzeichnet. 1960 folgt das endgültige Aus für das alte Palais: Sein Wiederaufbau sei aus städtebaulichen und volkswirtschaftlichen Gründen nicht vertretbar und passe zudem nicht in das städtebauliche Gesamtkonzept (vgl. Demps 1994). Gesprengt wird es im November 1960.

Die DDR beschließt eine Neubebauung der alten Wilhelmstraße und ihrer anliegenden Straßen und baut noch in ihrer Endphase ein Plattenbauensemble, das nie vollendet wird. Das Grundstück des ehemaligen Palais Schwerin/Reichspräsidentenpalais trägt die Hausnummer 92 in der Otto-Grotewohl-Straße. Der einst prächtige Garten liegt im absoluten Sperrgebiet der Berliner Mauer als Teil des Todesstreifens.

Was überlebt hat

Die zwei Sandsteinlöwen, zwei Vasen und eine nicht näher benannte dreiteilige Stele werden vor dem Abriss an den Berliner Tierpark gegeben. Das Balkongitter wird 1963 in ein Wohnhaus in Köpenick, Bahnhofstraße 4, eingebaut.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Architekturverein Berlin/Vereinigung Berliner Architekten (1896): Berlin und seine Bauten, II. und III. Der Hochbau, ZLB
  • Demps, Laurenz (1994): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, DNB
  • Faksimiles des Deutschen Rechtswörterbuchs (DRW): DRW. III: Erbverschreibung, Universität Heidelberg
  • Kalbe, Riki/Zuckermann, Moshe (Hrsg.) (2000): Ein Grundstück in Mitte. Das Gelände des künftigen Holocaust-Mahnmals in Wort und Bild, Wallstein Verlag, DNB
  • Reimer, Doris (1999): Passion & Kalkül. Der Verleger Georg Andreas Reimer, Walter de Gruyter, Berlin, New York, DNB

StandortWilhelmstraße 73 (heute ca. 78)
Architekt(en)Konrad Wiesend
Erbaut1735
Zustandgesprengt 1960
Nutzer
  • Hans Bogislav von Schwerin
  • Kurt Christoph von Schwerin
  • Stephan Peter Oliver Graf von Wallis
  • Familie von Massow
  • Karl Reichsgraf von Osten
  • Ministerium des Königlichen Hauses
  • Reichspräsidentenpalais
  • Auswärtigen Amt/Reichsaußenministerium
NachfolgerDDR-Plattenbauten
AuftraggeberHans Bogislav von Schwerin