Palais Pringsheim

Das Palais Pringsheim in der Wilhelmstraße 67 Berlin, 1882
Das Palais Pringsheim in der Wilhelmstraße 67
Berlin, 1882; F. Albert Schwartz (Fotografisches Atelier)
© Stiftung Stadtmuseum Berlin; Inv.-Nr.: IV 87/43 V

Nach den Wünschen des Auftraggebers

1869 kauft der Eisenbahn- und Bergbauunternehmer Rudolf Pringsheim zu Rodenberg (1821–1906) das Grundstück Wilhelmstraße 67 und lässt dort in den Jahren 1872–74 ein Palais errichten. Das Architektenbüro Ebe & Benda richtet sich mit seinem Entwurf nach den Wünschen und Ideen des Auftraggebers.

Polychromie als Stilelement

Gustav Ebe (1838–1916), bekannt dafür, verschiedene historische Stilrichtungen zu vermischen, setzt auch hier Polychromie (Vielfarbigkeit)als Stilelement ein. Das Architektenbüro orientiert seine Entwürfe für das Palais eines Bürgerlichen in der vermeintlich adligen Wilhelmstraße am Stil Venezianischer Paläste einerseits und dem von Gründerzeitvillen anderseits. Einen besonderen Platz unter den herrschaftlichen Häusern Berlins erlagt dieses Palais durch seine ungewöhnliche Fassade. Ebe & Benda verwenden zur Gestaltung derselben in echten Baustoffen hergestellten Farbenschmuck – ein Novum für Berlin. Dieser vielfarbigen Fassadengestaltung verdankt das Palais seinen Namen „Buntes Haus“.

Das „Bunte Haus“

Das Palais hat eine 90 Fuß (27,4 m) hohe Front, die gegliedert ist in ein Souterrain, ein hohes Erdgeschoss, ein großes dominierendes Hauptgeschoss und ein abschließendes Halbgeschoss. Das Souterrain ist diamantförmig gequadert, das Erdgeschoss rustiziert. Für das Erdgeschoss verwenden die Architekten kräftig getönten Sandstein – ein Material, das auf Grund seiner hohen Kosten nur noch selten Verwendung findet. Das Hauptgeschoss wird mit einem farbigen Terracotta, den stumpfroten Mettlacher Fliesen verblendet. Die von der Firma Ernst March Söhne gefertigten farbigen, teilweise glasierten Terracotten finden ebenfalls Verwendung an Erker, Fensterumrahmungen und Hauptgesims.

Sgraffito-Bilder im Hof

Nicht nur die dem Publikum zugewandte Fassade ist reich geschmückt. Auch die Giebelwände der Nachbarhäuser, die vom Pringsheim’schen Hof aus zu sehen und zugänglich sind, werden verziert: Sgraffito-Bilder dekorieren die bis dahin kahlen Wände. Bei dieser, während der Renaissance in Italien häufig verwendeten Technik werden verschiedene farbige Putzschichten übereinander aufgetragen, dann Teile der oberen Putzschicht abgekratzt und Teile der darunterliegenden Putzschichten freigelegt, sodass durch den Farbkontrast ein Bild entsteht. Seine Vielfarbigkeit hängt von der Anzahl der Putzschichten ab.

Sgrafitto-Fassade in Telč, Tschechien
Beispiel für eine Sgrafitto-Fassade: Haus Nr.15 am Marktplatz mit Sgrafitto-Fassade in Telč, Tschechien ( 1530–1551), Detail: Allegorie der Gerechtigkeit, 2014
Fotograf: Wolfgang Sauber, via Wikimedia / Lizenz CC BY-SA 4.0

Die Elemente der Fassadengestaltung

Rechts und links des Eingangsportals befinden sich je drei Fenster, die mit Masken abgeschlossen und von Kymatien, zu deutsch „Eierstäben“, also Zierleiste mit sich wiederholenden friesartigen Elementen, umrankt sind. Zwei große, auf Pilastern stehende Ritterfiguren links und rechts des Portals tragen, Atlas zitierend, den im Obergeschoss hervortretenden polygonförmigen Erker.

Zwischen Erd- und Obergeschoss verläuft als optische Gliederung der Fassade ein Zahnschnittgesims, ein abstrakter geometrischer Klötzchenfries. Die Fenster im Obergeschoss sind größer als die des Erdgeschosses und reich verziert mit Pilasterrahmen und farbigen Terrakotten.

Im obersten Geschoss, einem Halbgeschoss, befinden sich zwischen den kleinen Fenstern Glasmosaike auf goldenem Grund. Das Kranzgesims schließt das Gebäude ab und bekräftigt noch einmal den Ruf des Palais als „buntes Haus“: Aus glasiertem Terrakotta mit gelben Palmetten (den symmetrischen Abstraktionen eines Blattes der Fächerpalme) auf Grün, kragt das Gesims auf einer roten Konsole vor.

Der Fassadenzyklus

Die Entwürfe zum Fassadenzyklus stammen von Anton von Werner, die Mosaike fertigt die Firma Puhl & Wagner aus Neukölln.

Der Fassadenzyklus beginnt und endet mit je einer Sphinx, das Rätsel des Werdens und Vergehens des menschlichen Lebens symbolisierend. Verschieden Lebensabschnitte des Mannes, vom an den Zitzen der Sphinx saugenden Zwilillingspaar über das spielende Kind, zum Jüngling im Kreise der Freunde über den Jäger mit seiner Geliebten. Das fünfte Bild zeigen die Welt der Arbeit. Einer ganz speziellen Arbeit jedoch: die eines Architekten mit Bauzeichnungen und Rohbau im Kreise seiner rasch angewachsenen Familie – möglicherweise eine Anspielungen auf die Architekten Ebe & Benda. Im sechsten bewundert ein italienischer Fürst inmitten seiner Kunstsammlung antike Schätze. Auf dem sechsten Bild reicht ein Engel einem auf seinem Bett aufgebahrten jüngst Verstorbenen, umsorgt von seinem Diener, postum einen Lorbeerkranz und notiert währenddessen auf einer Tafel – was? Möglicherweise die mit Lorbeer belohnten Taten des Toten. Ein weiterer Kranz liegt neben dem Fußende des Bettes unbeachtet auf dem Boden. Die zweite Sphinx schließt die Reihe der Bilder ab. Ernst blickt sie auf den menschlichen Totenschädel zu ihren Pranken.

Die italienisch-deutsche Doppelfigur Cosimo/Pringsheim

Anton von Werner schmückt nicht nur für die Fassade des Pringsheim’schen Palais mit seinem Bilderfries. Für das Herrenzimmer des Palais malt er die Familie Pringsheim in Kostümen der Renaissance.

Farbskizze zum Bild Ars im Mosaikfries am Palais Pringsheim mit Rudolf Pringsheim als Cosimo di Medici
Farbskizze zum Bild Ars im Mosaikfries am Palais Pringsheim mit Rudolf Pringsheim als Cosimo di Medici, Berlin; 51 × 82 cm, Öl auf Leinwand, 1872 Anton von Werner / Public domain; via Wikimedia

„Bürger treten leibhaftig in das Renaissancebild ein. Der Eisenbahnunternehmer Rudolf Pringsheim (…) erscheint gar in Fresken Anton von Werners als Cosimo de Medici auf der Fassade seines Berliner Stadtpalais (…) des sogenannten „bunten Hauses“. (…) Ein moderner jüdischer Bildungsbürger deutscher Nationalität, im Gegensatz zu seinen Ahnen dem mittelalterlichen Ghetto entronnen, lässt sich auf der Fassade seines Hauses in eine Zeit projizieren, in der seine Vorfahren im Renaissancevenedig und anderenorts nur als Außenseiter existierten. Er erscheint ohne Judenhut, im Rollenkostüm des Gonfaloniere. Die italienisch-deutsche Doppelfigur Cosimo/Pringsheim betrachtet Kunstwerke der wiederentdeckten und wiedergeborenen vorchristlichen Antike, in deren symbolischer Formsprache sich die Renaissance selbst identitätssuchend widerspiegelt.  (…) Pringsheim in der Rolle Cosimo I. als Kunstmäzen und Sammler (ist/ die Redaktion) Repräsentant der neuen Medici.“ (Rolf Füllmann, 2018, S. 48/49)

Verkauf und Abriss

1910 verkaufen die Erben Pringsheim das Palais an die „Bau- und Bodengesellschaft Zentrum“ (später „Bau- und Betriebsgesellschaft Wilhelmstraße“). Die sich im Haus befindenden Wandgemälde Anton von Werners sind vom Erwerb ausgeschlossen. Nach einer Einschätzung Ostberlins wird 1950 festgestellt, das Palais sei zu 96 Prozent zerstört, die Ruine solle in den kommenden Monaten abgerissen werden. Im November 1962 wird das Grundstück vollständig enttrümmert.

Anton von Werners Entwürfe wiederentdeckt

Die Entwürfe zum Fliesenflies des Palais Pringsheim verschwinden für Jahrzehnte. 2003 bringt die Kunsthandlung Neuse (Bremen) eine achtteilige Bilderserie Anton von Werners mit auf die Ars Nobilis. Es sind die acht auf Holz und Goldgrund gemalte Entwürfe, die Vorlagen zum Mosaikfries am Pringheim’schen Palais. Ihr Preis beträgt 450 000 Euro.

Quellen und weiterführende Architektur

  • „Berlin“, in: Meyers Konversations-Lexikon, 1888 Band 2, S. 2.754a. Website
  • Berliner Adreßbuch, Ausgabe (1876) Pringsheim’sches Haus Website
  • Demps, Laurenz (1994): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht DNB
  • Ermenegildo Antonio Donadini, Historienmaler, Zeichenlehrer der Königin, Restaurator und Amateurfotograf in: Sächsische Landesbibliothek –Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) Website
  • Füllmann, Rolf (2018): Die Neorenaissance als bürgerliche Selbstttechnik und Gegenbild der Klassischen Moderne,, in: Kegler, Karl R./ Minta, Anna, Naehrig, Niklas (Hrsg.): RaumKleider. Verbindungen zwischen Architekturraum, Körper und Kleid DNB
  • Herstatt, Claudia (2003): Aus der Balance, in: Zeit online, 13. November 2003 Website
  • Reuleaux, F. (Hrsg.)(1884): Einführung in die Geschichte der Erfindung: Bildungsgang u. Bildungsmittel d. Menschheit DNB
  • Rump, Gerhard Charles (2003): Berlin, Ars Nobilis, in: Die Welt 08.11.2003 Website
  • Sterndal, Bernd (2019): Harzer Persönlichkeiten. Lebensbilder. Bd. 4 DNB

StandortWilhelmstraße 67 (historisch No. 1)
Architekt(en)
  • Architektenbüro Ebe &
  • Benda
Erbaut1872–74
Zustandabgerissen 1950
Nutzer
  • Rudolf Pringsheim zu Rodenberg und Erben
  • „Bau- und Bodengesellschaft Zentrum“ (später „Bau- und Betriebsgesellschaft Wilhelmstraße“)
VorgängerPalais mit verschiedenen Besitzern
Nachfolger
  • Robert-Koch-Forum mit Einstein Center Digital Future (Nr. 67)
  • ARD-Hauptstadtstudio (Nr. 67a, an der Ecke zum Reichstagufer)
AuftraggeberRudolf Pringsheim zu Rodenberg