Palais Pannewitz / Auswärtiges Amt

"Das Ministerium des Auswärtigen in der Wilhelmstr. 76"
„Das Ministerium des Auswärtigen in der Wilhelmstr. 76“
Maler: Carl Georg Anton Graeb, Berlin um 1850
© Stiftung Stadtmuseum Berlin; Inv.-Nr.: GHZ 83/51

Danaergeschenk

1735 erhält Oberst Wolff Adolph von Pannewitz per Erbverschreibung das Grundstück Wilhelmstraße 76 (ehemals Wilhelmstraße No. 6). Er lässt dort ein Palais erbauen, wie es zum Ende der Regierungszeit Friedrich Wilhelm I. an der Wilhelmstraße üblich ist. Nicht ganz freiwillig, denn ein königliches Geschenk darf nicht abgelehnt werden – ob der Beschenkte nun bauen möchte oder nicht.

Umbau durch Schinkel

Nach mehrfachem Besitzerwechsel erwirbt der russische Gesandte Maximilian von Alopaus 1804 das bis dahin unverändert gebliebene Palais. Er veranlasst den Umbau des Palais durch Karl Friedrich Schinkel: Die sich rechts und links des Mittelbaus befindenden Flügel mit den Durchfahrten werden überbaut. Und in den Winkel zwischen dem hinteren linken Flügel und dem Vorderhaus wird eine halbrunde Treppe eingefügt.

Wilhelmstraße 76: eines der Eingangsportale links des Haupthauses
Wilhelmstraße 76: eines der Eingangsportale links des Haupthauses
Architekturmuseum TU Berlin, Inventarnummer: B 3273,1

Das zweistöckige Palais wirkt durch seinen erhöhten Keller und das hohe barocke Dach höher als es ist. Vier Halbsäulen betonen die mittleren drei der insgesamt neun Fenster der beiden Etagen und tragen den Schmuckgiebel des Mittelrisalits.

Auswärtiges Amt, Mittelrisalit
Auswärtiges Amt, Mittelrisalit
(Aus: Zopf und Empire, hrsg. v. Carl Zetzsche, 1.Teil, ca. 1910) Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, Inv. Nr. B 3273,1.

Das Hauptgebäude verfügt über keinen eigenen Eingang. Die beiden Eingänge befinden sich vielmehr in den zwei rechts und links liegenden Seitengebäuden. Die hohen Doppeltüren werden von Kandelabern flankiert. Innen führt die linke Eingangstür zur Prunktreppe im Haupthaus und zu den hinteren Büroräumen des Seitenhauses.

Antike Kassettenmuster, die ursprünglich zur Gliederung einer Gewölbefläche dienten, füllen die Felder über den Fenstern des Mittelteils. Ein Schmuckfries trennt die Etagen. Die später an den Fenstern angebrachten Markisen schützen vor seitlich einfallender Sonne.

Garten

Nach hinten liegt, umgeben von den beiden niedrigeren Seitengebäude und dem Haupthaus ein von einem großen Ahornbaum beschatteter Hof. Hinter diesem, wie hinter allen auf dieser Straßenseite gelegenen Palais, erstrecken sich die Ministergärten: lange schmale Gärten mit die Rasenflächen kreuzenden Spazierwegen, Obst- und Gemüsebeeten und Obstbäumen. Eine Mauer schließt diese Gärten gegen die Berliner Verbindungsbahn ab, die die Kopfbahnhöfe verbindet.

Vor die Rückfront des Palais Pannewitz wird 1935 der zweistöckige Gartensaal der Reichskanzlei gesetzt.

Auswärtiges Amt

Vom 17. Jahrhundert an entwickelt sich das, was zum Außenministerium Preußens wird, in mehreren Etappen. Am 8. Januar 1870 unterschreibt Bismarck den Gründungserlass des Auswärtigen Amtes. Dieser, dem Kanzler des Norddeutschen Bundes unterstellte Organisationseinheit steht ein Staatssekretär vor. Es ist der Beginn einer gemeinsamen deutschen Außenpolitik, die die Beziehungen der einzelnen deutschen Territorien zu anderen Staaten ablöst.

Als im Laufe des 19. Jahrhunderts die Adelspalais der Wilhelmstraße nach und nach in den Besitz des preußischen Staates übergehen und von Ministerien bezogen werden, findet auch das neue Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten hier eine geeignete Villa. Im März 1819 bittet Graf von Bernstorf, Minister des Äußeren, ihm ein Diensthaus anzuweisen. Zwei Monate später wird der Königliche Landesherrliche Fiscus als Eigentümer des Palais eingetragen, im Juni desselben Jahres ergeht eine Königliche Kabinettorder an den Staatskanzler, Fürst von Hardenberg, das Palais samt Zubehör und Möbeln zu kaufen und und es dem Minister des Äußeren zur Verfügung zu stellen.

Wohn- und Dienstsitz des Außenministers

Graf von Bernstorf nutzt das Palais als Dienst- und Privatwohnung. Von nun an ist das ehemalige Palais Pannewitz im Besitz des Auswärtigen Amtes und wird als Dienst- und Privatwohnung der Minister des Äußeren genutzt.

Wohnzimmer im Palais Wilhelmstraße 76, ehem. Palais Panewitz, Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten
Wohnzimmer im Palais Wilhelmstraße 76, ehem. Palais Pannewitz, Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten; Maler: Carl Georg Anton Graeb; Aquarell, Berlin, um 1850
© Stiftung Stadtmuseum Berlin; Inv.Nr.: GHZ 83/52

Erst Bismarck verlegt seine Wohnung 1877 in das benachbarte Palais Radziwill (auch Palais Schulenburg), das als „Alte Reichskanzlei“ oder „Reichskanzlerpalais“ in die Geschichte der Straße eingeht.

Raumnot von Beginn an

Die erste Etage beherbergt Repräsentationsräume und die Wohnräume des Ministers samt Familie. Im Erdgeschoss liegen das Büro des Staatssekretärs, die Verwaltungsräume sowie die politische Abteilung des Ministeriums. Der Raumbedarf des Ministeriums sprengt bei weitem die Möglichkeiten des Palais, sodass Teile der Behörde auf andere Häuser verteilt werden müssen. 1878 wird das Nachbargebäude Wilhelmstraße 75 angekauft und Bismarcks private Räume werden in die Wilhelmstraße 77 verlegt. 1919 übernimmt das Auswärtige Amt auch das Gebäude Wilhelmstraße 74, bisher Sitz des Reichsamtes des Inneren.

NS-Zeit

In den folgenden Jahren vergrößert sich die Raumnot des Ministeriums. Ab 1933 wächst der Personalbestand des Auswärtigen Amtes stetig und soll nach den Vorstellungen der Führung der NSDAP weiter wachsen. Als Konkurrenz zum Auswärtigen Amt wird 1933unter Alfred Rosenberg das Außenpolitische Amt der NSDAP gegründet, um die offiziellen diplomatischen Stellen umgehen zu können. Im Berliner Tiergarten soll ab 1938 ein „Nachwuchshaus“ entstehen. Seine Aufgabe wäre es gewesen, die neuen Diplomaten aus Napolas, SS-Junkerschulen und Ordensburgen ideologisch korrekt auf ihren Dienst als Vertreter des Tausendjährigen Reiches vorzubereiten. Nach dem Richtfest 1939 wird der Bau jedoch eingestellt, kriegswichtigere Interessen treten in den Vordergrund.

Eine unabhängige Historikerkommission, damit beauftragt, die Rolle des Auswärtigen Amtes während des NS zu untersuchen, veröffentlicht 2010 ihre Ergebnisse in dem Buch Das Amt und die Vergangenheit und kommt zu dem Schluss:

„Das Auswärtige Amt war (…) kein Hort des Widerstands. Es war auch kein Refugium altgedienter Ministerialbürokraten, die unter einer schlechten Regierung ihr Land nicht im Stich lassen wollten und einfach weiter ihren Dienst verrichteten. Es gab auch keine gezielte Infiltration durch Nationalsozialisten, die war gar nicht notwendig. Kennzeichnend für das AA war vielmehr die ‚Selbstgleichschaltung‘. (zitiert nach: Ernst Piper, 2010)

Das Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße, Berlin 1937
Das Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße, Berlin 1937
Bundesarchiv, Bild 183-C11812 / Fotograf: unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Anfang der 1930 Jahre werden die Markisen entfernt; das Gebäude wirkt nüchterner ohne sie. Während des zweiten Weltkrieges wird auch dieses Palais stark beschädigt. Seine Ruine wird 1948/50 abgerissen.

Quellen und weiterführende Literatur

    • Arnold, Dietmar/Janick, Reiner: Neue Reichskanzlei und „Führerbunker“: Legenden und Wirklichkeit, DNB
    • Borrmann, Richard/Clauswitz, P.: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin: : Im Auftr. d. Magistr. d. Stadt Berlin / bearb. von R. Borrmann. Mit e. geschichtl. Einl. von P. Clauswitz, DNB
    • Conze, Eckart: Das Auswärtige Amt: Vom Kaiserreich bis zur Gegenwart, DNB
    • Hoffmann, Gabriele: Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer: Die Geschichte großen einer Liebe, DNB
    • Demps, Laurenz (1995): Der Pariser Platz: der Empfangssalon Berlins, DNB
    • Piper, Ernst (2010): Auswärtiges Amt: NS-Vergangenheit – Furchtbare Diplomaten, in: Der Tagesspiegel, 25. Oktober 2010, Website

StandortWilhelmstraße 76 (vormals No. 6)
Architekt(en)
  • unbekannt
  • Umbau durch Schinkel (1804)
Erbaut1735/37
Zustandabgerissen 1948/50
Nutzer
  • Wolff Adolph von Pannewitz (1736)
  • Baron Carl Ludwig von Cocceji nebst Gemahlin (geb. Barbara Campanini) (1752)
  • Friedrich Wilhelm Graf von Eickstaedt (1756)
  • Juliane Philippine von der Decken (1773)
  • Obermarschallin von Wangenheim (1800)
  • Finanzrat Johann Crelinger (1804)
  • Maximilian von Alopaeus (1804)
  • Auswärtiges Amt (1819)
NachfolgerDDR-Plattenbauten
AuftraggeberOberst Wolff Adolph von Pannewitz