Palais Kellner/ Reichskanzleramt

Blick in die Wilhelmstrafle mit dem Reichsamt des Innern in der Nr. 75, Berlin, um 1885
Blick in die Wilhelmstrafle mit dem Reichsamt des Innern (vormals Reichskanzleramt) in der Nr. 75, Berlin, um 1885
Fotograf: F. Albert Schwartz (Fotografisches Atelier)
© Stiftung Stadtmuseum Berlin; Inv.-Nr.: IV 87/203 V

In der Wilhelmstraße erhalten Personen Grundstücke, die sich um den Staat verdient gemacht haben. Gemäß den königlichen Gepflogenheiten spiegeln Größe und teils Lage eines Grundstücks die Einschätzung der Verdienste durch den König. So erhält z. B. der Architekt und Baumeister Johann Carl Stolze (ab 1733 Oberbaudirektor und Geheimer Kriegs- und Domänenrat) das relativ bescheidene Grundstück Wilhelmstraße 75, während dem Geheimen Kriegs- und Domänenrat Wilhelm Friedrich von Kellner das größere Grundstück Wilhelmstraße 74 zuerkannt wird.

Palais Kellner

1736 erhält der Geheime Kriegs- und Domänenrat Wilhelm Friedrich von Kellner auf Anweisung Friedrich Wilhelm I. als Erbverschreibung ein Grundstück in der damaligen Husarenstraße. Ab 1740 lautet die Adresse Wilhelmstraße No. 4, dann Wilhelmstraße 74, heute Nr. 84/85. Von Keller wählt als Architekten seines neuen Stadtpalais Friedrich Wilhelm Diterichs.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verliert die Wilhelmstraße an Bedeutung, weil die adligen Besitzer der erstgebauten Palais diese an Vertreter des aufstrebenden Bürgertums verkauften. Eine neue Idee nimmt Gestalt an: Wilhelm III. will die einstige Straße des preußischen Adels zu einer der preußischen Politik machen. Das ehemalige Palais Kellner soll den Anfang machen. Von Kellner, 1742 nach Königsberg versetzt, verkauft sein Palais 1750.

Reichskanzleramt

Mit der Gründung des Kaiserreichs 1871 wird der Norddeutsche Bund auf alle deutschen Staaten ausgeweitet. Die Reichsverfassung geht aus der revidierten Fassung der Norddeutschen Bundesverfassung hervor. Dreieinhalb Monate nach ihrer Proklamation erhält sie einen neuen Namen: Bis zum August 1919 wird sie als Bismarck’sche Reichsverfassung bezeichnet werden. Im ersten Jahr des Deutschen Reiches existieren lediglich zwei Reichsämter: das Reichskanzleramt und das Auswärtige Amt. 1872 kommt mit der Kaiserlichen Admiralität ein drittes Amt hinzu.

Das Reichskanzleramt ist die zentrale Behörde des Deutschen Reiches, der immer mehr Aufgaben zufallen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, für die einzelnen Aufgabenbereiche selbstständige Reichsämter zu schaffen. Ende 1879 wird das nunmehr so von vielen Aufgaben befreite Reichskanzleramt in „Reichsamt des Innern“ umbenannt und verliert zusehends an Bedeutung. Diese Entwicklung setzt sich fort, als unter Kaiser Wilhelm II. und während des 1. Weltkrieges sowohl weitere Aufgabenbereiche ausgelagert als auch eigenständige Behörden für neue neue Aufgaben eingerichtet werden.

Vom Wohnhaus zum Dienstsitz des Groß-Kanzlers

Nach mehreren Besitzerwechseln wird 1791 die Witwe des Generals von Krusemark Besitzerin und vermietet es an den einflussreichen preußischen Kabinettsminister Christian August Graf von Haugwitz, der, so wird vermutet, Friedrich Wilhelm III. nahelegt, das Palais als Dienstwohnung und -sitz des jeweiligen Groß-Kanzlers zu kaufen. Friedrich Wilhelm III. bestimmt den Ankauf und eben diese Nutzung in einer Kabinettsorder vom 5. Februar 1799. Aus dem Palais Kellner wird das erste zentrale Dienstgebäude des preußischen Staates, der Anfang des Zentrums der preußischen Staatsverwaltung und des Sitzes der politischen Macht in der Wilhelmstraße.
Diese Entwicklung erfährt durch die napoleonische Besetzung und die sie beendenden Freiheitskriege zwischen 1812 und 1815 erst einmal eine Unterbrechung. Nach Ende der Befreiungskriege ziehen immer mehr staatliche Behörden aus dem Schloss in eigene Dienstlokale um. Viele davon finden sich der Wilhelmstraße: Die herrschaftlichen Palais bieten Platz und sind repräsentativ – und zudem in unmittelbarer Nachbarschaft zum Sitz des Groß-Kanzlers.

Um- und Neubau durch Möllner

Nach einem ersten Umbau und einer Erweiterung 1859 durch Ferdinand Hermann Gustav Möller erfolgt 1872–1874 eine viel weitgreifendere Veränderung des alten Palais. Georg Joachim Wilhelm Neumann (ab 1878 durch Adoption Wilhelm von Mörner) erhält den Auftrag zur Neugestaltung mit der Auflage, die Mauern des Vorderhauses sowie die des rechten Seitenflügels zu erhalten und in den Neubau zu integrieren. Die dort situierten Büroräume können so während der Bauarbeiten weiter genutzt werden.

Ein Neubau im Stil der Neorenaissance

Neubau Wilhelmstraße 74, Reichsamt des Inneren
Neubau Wilhelmstraße 74, Reichsamt des Inneren; links angeschnitten: Preußisches Justizministerium (No. 65); rechts angeschnitten: Kopfbau des Ministeriums des Königlichen Hauses / Reichspräsidentenpalais; 1921
Bundesarchiv, Bild 183-H28719 / Fotograf Unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Das dreistöckige Gebäude wird im Stil der Neorenaissance errichtet. Neumann entlehnt für den Neubau einiges aus der Formensprache des Palazzo Pitti in Florenz sowie dem 1826–35 von Leo von Klenze entworfenen und erbauten Königshaus in München.

Die Fassade ist symmetrisch und lenkt den Blick des Betrachters auf das Eingangsportal. Statt des in der italienischen Renaissance meist üblichen Wandschmucks betont Neumann das Portal mittels des darüber liegenden Balkons. Die Fassade des Sockelgeschosses wird beherrscht von ihrer groben Rustikaquaderung, die der Beletage und des zweiten Obergeschosses ist feiner ausgearbeitet. Die Geschosse sind deutlich durch Gesimse von einander abgegrenzt. Das Sockelgesims mit Tropfkante ist schlicht gearbeitet, ebenso das auf der unteren Höhe des Balkons. Der zweite Stock ist mit einem Schmuckgesims vom dritten getrennt, das Haupt- oder Kranzgesims kragt wesentlich weiter aus als die anderen.

Die klar strukturierten Fensterreihen betonen die Waagerechte. Die den Palazzo Pitti durchgängig zierenden Bogenfenster finden sich bei Neumann nur im zweiten Obergeschoss. Ebenso wie der italienische Palazzo wirkt das neue Palais primär durch seine klaren Proportionen, die Sichtbarkeit der Materialien und die deutliche Aufteilung der Bauelemente. Beiden Gebäuden ist ihr festungsähnliche Charakter eigen.

Palazzo Pitti, Florenz, 1664
Palazzo Pitti, Florenz, 1664
Urheber: Fürst, Paul & Gerhard, Christoph, Verleger
Verwalter: Dresden, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), Signatur/Inventar-Nr.: Archit.116,misc.4
© SLUB / Deutsche Fotothek / DDZ; Lizenz: CC BY-SA 4.0

Der neue Sitzungssaal

Auch der Sitzungssaal des Reichsamtes des Innern wurde im Zuge der Umbaumaßnahmen 1891/92 neu gestaltet. Dieser Saal befindet sich im Hauptgeschoss des ersten linken Seitenflügels und wird – im Gegensatz zum Saal im Reichstagsgebäude – regelmäßig genutzt. Die Wandpfeiler sowie das Gebälk, das die Decke trägt, sind aus Cottaer Sandstein. Die Decke selbst, Wandtäfelungen und Türen bestehen aus dunkel gebeiztem Eichenholz mit Füllungen aus rotem Kameruner Mahagoniholz, die Ornamente sind vergoldet. Wappen der Bundesstaaten zieren die seitlichen Deckenfelder, in den drei mittleren Feldern stehen die Namen der drei ersten Kaiser. Über der Haupteingangstür prangt das Reichswappen. Der Reichsadler wird zum bestimmenden Muster der Ledertapete. Licht fällt hell von zwei Seiten durch je drei dreiteilige Fenster in den großen Raum; es kann jedoch auch mittels zartgelber Fenstervorhänge mit Ulmer Handstickerei gedämpft werden.

Bundesratsitzungssaal im Reichsamt des Inneren, Berlin Innenansicht
Bundesratsitzungssaal im Reichsamt des Inneren, Berlin
Innenansicht (aus: Atlas zur Zeitschrift für Bauwesen, hrsg. v. Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Jg. 46, 1896)
Digitalisierung: ZLB

Die auf dem Foto zu sehenden Möbel sind noch die aus dem früheren Saal und werden bald nach dem Fototermin ersetzt.

Vom Reichsamt des Inneren zum Auswärtigen Amt

Ursprünglich als Kanzleramt des Deutschen Reiches errichtet, dient der Neubau Wilhelmstraße 74 als Dienststelle des Reichsamt des Inneren. 1919 übernimmt das Auswärtige Amt auch dieses Gebäude zusätzlich zu den Gebäuden Wilhelmstraße 76 (dem ehemaligen Palais Pannewitz) und 75 bis zu seiner Zerstörung 1945.

Abriss und Neubebauung

1950 wird die Ruine gesprengt und das Grundstück 1951 geräumt. Seit den 1980er Jahren befinden sich hier die acht- bis neungeschossigen DDR-Plattenbauten, heute mit der Nummerierung 84/85.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat: Unsere Geschichte, Website
  • Busse, Volker/Hofmann, Hans (2019): Bundeskanzleramt und Bundesregierung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Mit einem Vorwort von Angela Merkel DNB
  • Demps, Laurenz (1994): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, DNB
  • Ehri-Project: Reichsministerium des Innern, Website
  • Geschichtsmeile Wilhelmstraße: Wilhelmstraße 74, Website
  • Milde, Kurt (1981): Neorenaissance in der deutschen Architektur des 19. [neunzehnten] Jahrhunderts: Grundlagen, Wesen u. Gültigkeit, DNB
  • Zeitschrift für Bauwesen Ausgabe XLVI.1896; Heft iV bis VI.Der Bundes-Sitzungssaal im Reichsamt des Inneren in Berlin Website

StandortWilhelmstraße 74–75 (vormals No.4 und No.5)
Architekt(en)
  • Friedrich Wilhelm Diterichs (1736)
  • Ferdinand Hermann Gustav Möller (1859)
  • Georg Joachim Wilhelm Neumann (1872–1874)
Erbaut1736
Zustandabgerissen 1950/51
Nutzer
  • Wilhelm Friedrich von Kellner (1736–1750)
  • Erdmund Luise Gräfin von Beeß und Erben (1750–1782
  • Ludewig le Duchat de Dorville (1782–1791)
  • Wilhelmine von Krusemark (1791–1799)
  • Preußischer Staat: Heinrich Julius von Goldbeck, Groß-Kanzler (1799–1807)
  • Justizministerium (1799–1848)
  • Sitz des StaatsministersSitz des Bundeskanzleramtes des Norddeutschen Bundes (1872–1868)
  • Reichsamt des Inneren (1872–1919)
  • Auswärtiges Amt (1919–1945)
NachfolgerDDR-Plattenbauten
Auftraggeber
  • Wilhelm Friedrich von Kellner
  • Preußischer Staat (Um- und Neubau 1872–1874)