Königliche Gold- und Silbermanufaktur

Die Königliche Gold- und Silbermanufaktur auf der FriedrichstadtBerlin, um 1730
Die Königliche Gold- und Silbermanufaktur auf der FriedrichstadtBerlin, um 1730
Johann Friedrich Walther, Radierung auf Papier, Reproduktion: Michael Setzpfandt, Berlin
© Stiftung Stadtmuseum Berlin, Inv.-Nr.: SM 2016-4074

1737 wird an der Südwestecke des Wilhelmplatzes, auf dem Grundstück Wilhelmstraße 79 (vormals No. 9), die Königliche Gold- und Silbermanufaktur auf der Friedrichstadt erbaut. Bis dahin befindet sich die Manufaktur im Haus des Besitzers, des Kaufmanns Severin Schindler, auf dem Molkenmarkt.

Der Architekt Gerlach und die Friedrichstadt

Architekt des neuen Gebäudes ist Johann Philipp Gerlach (1679–1748). Gerlach, seit 1707 königlicher Baudirektor und Leiter des Bauwesens in Berlin, wird 1720 von Friedrich Wilhelm I. der Posten des Oberbaudirektor der königlichen Residenzen übertragen. Damit ist er verantwortlich für das gesamte staatliche Bauwesen. 1721 wird er Mitglied der Baukommission und damit beteiligt an der Berliner Stadterweiterung: 1721 an der Friedrichstadt, ab 1732 an der Dorotheenstadt.

Für die Friedrichstadt entwirft und plant Gerlach auch den Wilhelmplatz und mehrere seiner Palais. Auf dem Nachbargrundstück der Königlichen Gold- und Silbermanufaktur, Wilhelmstraße 79 (vormals No. 8), entwirft er das Palais für Minister Samuel von Marschall – später „Palais Voß“ oder „Voss’sches Palais“ genannt.

Christian Heinrich Horst "Der Wilhelmplatz von Süden her gesehen." Berlin, um 1740
Christian Heinrich Horst „Der Wilhelmplatz von Süden her gesehen.“ Berlin, um 1740; aquarellierte Federzeichnung der geplanten Bebauung; Davon verwirklicht wurden ab 1735 (von links) a) die Gold- und Silbermanufaktur, b) das den Platz dominierende Palais Marschall, c) das Palais Schulenburg, später als Reichskanzlei Sitz der deutschen Reichskanzler, d) das Palais Waldburg bzw. Ordenspalais an der Nordseite des Platzes. Nicht gebaut wurde das hier vorgesehene Palais an der Nordostseite des Wilhelmplatzes.
© Stiftung Stadtmuseum Berlin; Inv.-Nr.: GHZ 74/15

Gerlachs Architekturvorstellungen fußen auf der klassischen französischen Architektur einerseits und auf der niederländischen Architektur, wie sie in Brandenburg tradiert wird. Gewünscht von Seiten des Königs werden Dauerhaftigkeit, Funktionstüchtigkeit, hochwertige Bauqualität sowie größtmöglicher Feuerschutz und hohe Hygienestandards.

Zugunsten des Militär-Waisenhauses in Potsdam

Friedrich Wilhelm I. kauft nach dem Tod des Geheimen Rath Schindler, Privileg-Halter nach dem Kaufmann Severin Schindler, die Manufaktur mit allem, was zu ihr gehört – und lässt die Einkünfte daraus dem Militär-Waisenhaus in Potsdam zukommen.

Reglement für die Juden Preußens versus wirtschaftliche Entwicklung des Staates

1763 überlässt Friedrich II. die Manufaktur  dem Kaufmann Veitel Heine Ephraim (später Ebers) zur Erbpacht, der als Pacht eine jährliche Abgabe von 1000 Talern an das Potsdamer Waisenhaus entrichtet. Damit Ephraim Grundstück und Palais erwerben kann, muss das Reglement für die Juden Preußens vom 16. September 1727 umgangen werden. Anreiz dafür ist das Vermögen, dass er gewillt ist, zum wirtschaftlichen Wohle des Staates zu investieren. Im Januar 1761 erlässt Friedrich II. deshalb eine Kabinettsorder, die Ephraim, seinen Geschäftspartner Daniel Itzig sowie beider Kinder den freien Bürgern Preußens gleichstellt: Sie sollen

„… vor und außer Gericht auch sonst Christliche Banquiers angesehen werden und überall gleiche Freiheiten genießen“ (zitiert nach Demps 1994, S. 59)

 1764 erwirbt Ephraim zusätzlich das Eckgrundstück am Wilhelmplatz.

Monopol

Die Manufaktur ist erfolgreich. Ihr Monopol, das anfänglich auf die mittleren Provinzen beschränkt war, wird auf Preußen und Schlesien erweitert. In der Folge wird der Verkauf fremder Tressen und anderen Zierrates auf den Frankfurter Messen verboten. Auch nach Veitels Tod bleibt die Monopolstellung der Manufaktur unangefochten.

Schulden und Verkauf

Anfang des 19. Jahrhunderts geht der Umsatz jedoch zurück, die Pacht wird nicht mehr in voller Höhe an das Waisenhaus bezahlt. Beide Parteien einigen sich auf einen Vergleich: Das Monopol wird endgültig aufgehoben (de facto besteht es seit der Einführung der Gewerbefreiheit 1810 schon nicht mehr), den Erben Ephraims wird die Pacht-Schuld vollständig erlassen. 1831 erhält die Manufaktur mit ihrem Besitzer Joachim Heinrich Ebers (dem jetzt getauften August Heymann Veitel Ephraim) als „Königliche Manufaktur“ noch ein letztes Mal Vorrang vor den Privatmanufakturen, muss aber im Verlauf der 1830er Jahren schließen. 1843 kauft der Geheime Staatsminister Graf von Stolberg im Auftrag des Staates das Gebäude.

Umbau durch Stüler: Ein weiterer Ministeriumsbau

1854/55 wird die ehemalige Königliche Gold- und Silbermanufaktur auf der Friedrichstadt durch Friedrich August Stüler umgebaut. Er stockt das Palais um eine Etage auf und erweitert 1868 das als Ministeriumsbau dienende Gebäude um einen Neubau in der angrenzenden Wilhelmstraße Nr. 80. Hier residiert nun das Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten.

Im Besitz der Deutschen Reichsbahn

1928 wird das Gebäude erneut umgebaut. Nun zieht hier die Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahn ein und vervollständigen zusammen mit den Gebäuden in der Voßstraße den Reichsbahnkomplex.

Gold- und Silbermanufakturen

Gold- und Silbermanufakturen entstehen in der Folge der ersten Manufaktur dieses Namens, die 1692 von den Gebrüdern Bose in Leipzig errichtet wurde. Das Privileg, eine solche Manufaktur zu führen, wird ihnen vom Staatsminister Herrn von Kraut abgetreten.

Die Manufakturen fertigen Gold- und Silberdraht, Gold- und Silbergespinst, Flittern und Lahn und stellen daraus Tressen, Borten, Frangen, Scherpen und anderes für die reichliche Verzierung der Kleidung her. Ein Lahnfaden zum Beispiel besteht aus dem Trägerfaden, seiner „Seele“ aus Seide oder Baumwolle, um den ein Metallstreifen (der eigentliche Lahn) aus Gold, Silber oder feinstem Messingdraht, auch Leonische Ware genannt, gewickelt ist. Frangen sind Fadensäume, Fransen, in manchen Gegenden auch Bommel, die zum Teil weder gewirkt noch gewebt sind, sondern über ein Holz geschlungen werden. Zierrat ist die ganze Frange, nicht das Band, an dem sie hängt.

Friedrich I. und seine Gemahlin Sophie Charlotte von Hannover
Friedrich I. (Gemälde von Antoine Pesne / Public domain; via Wikimedia) und seine Gemahlin Sophie Charlotte von Hannover (Gemälde von Nöel, III Jouvenet / Public domain; via Wikimedia)

Die Liebe zur Pracht des Kurfürsten von Brandenburg und Herzogs von Preußen, Friedrich I.,  ruft diese Mode auch an seinem Hof hervor, als er sich selbst zu Friedrich III. König von Preußen krönt. Bald folgen auch Angehörige der höheren Stände und der Wohlhabenden des aufsteigenden Bürgertums dieser Mode.

Dreikönigstreffen 1709: Friedrich I. in Preußen (Mitte), August II. (der Starke), Kurfürst von Sachsen und zeitweilig König von Polen (links), Friedrich IV. von Dänemark (rechts)
Dreikönigstreffen 1709: Friedrich I. in Preußen (Mitte), August II. (der Starke), Kurfürst von Sachsen und zeitweilig König von Polen (links), Friedrich IV. von Dänemark (rechts)
Gemälde von Samuel Theodor Gericke; Public domain, via Wikimedia
StandortWilhelmstraße 79 (historisch No. 9)
Architekt(en)
  • Johann Philipp Gerlach (1737)
  • umgebaut durch Friedrich August Stüler (1854/55)
Erbaut1737
Zustandabgerissen 1949
Nutzer
  • Königliche Gold- und Silbermanufaktur (1737–1843)
  • Landesherrlicher Fiscus für die Generalverwaltung der Domänen und Forsten (1844)
  • Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten (1854–
Ensemble
AuftraggeberFriedrich Wilhelm I.
Quellen und weiterführende Literatur

  • Demps, Laurenz (1994): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht DNB
  • Komander, Gerhild H. M.: Gerlach, Philipp. In: Verein für die Geschichte Berlins e.V.: Die Geschichte Berlins. Website
  • Nicolai, Friedrich/Buchhändler (1786): Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam und aller daselbst befindlicher Merkwürdigkeiten. Nachdruck der Ausgabe von 1786 DNB
  • Rachel, Hugo/Papritz, Johannes/Wallich Paul: Berliner Grosskaufleute und Kapitalisten, Bd. 2: Die Zeit des Merkantilismus 1648–1806 DNB
  • Ranseder, Christine (2020): Was von der Metallborte übrig blieb …, Stadtarchäologie Wiens, 8.01.2020 Website
  • Verein von Gelehrten und Freunden des Vaterlandes unter dem Vorstand des Freiherrn L. von Bedlitz-Neukirch (1836): Der Preußische Staat in allen seinen Beziehungen. Eine umfassende Darstellung seiner Geschichte und Statistik, Geographie, Militairstaates, Topographie, mit besonderer Berücksichtigung der Administration, Bd. 2 Website
  • Vollbeding, Johann Christoph/Prediger in Bruchhagen und in der Uckermark ( 1816): Gemeinnützliches Wörterbuch zur richtigen Verdeutschung und verständlichen Erklärung der in unserer Sprache vorkommenden fremden Ausdrücke. Für deutsche Geschäftsmänner, gebildete Frauenzimmer und Jünglinge DNB