Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz

Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz, Berlin um 1920
Fotograf: Waldemar Titzenthaler, [Public domain], via Wikimedia Commons, Lizenz Public Domain Mark 1.0
Der deutsche Kaufmann Georg Wertheim (1857–1939) erwirbt in den 1890er Jahren Grundstücke in der Leipziger Straße, am Leipziger Platz und auf einem großen Teil der südlichen Voßstraße. Er lässt die Gebäude auf den Grundstücken Voßstraße 24 bis 32 abreißen. Es entsteht eine Grundstücksfläche für das zu bauende Kaufhaus von 27 000 Quadratmetern.

Wertheim beauftragt den Architekten Alfred Messel (1853–1909), eines der größten Warenhäuser Europas mit 250 Metern Kaufhausfassade zu errichten.

Kaufhaus Wertheim, Ansicht der Rückseite
Ansicht der Rückseite von der Voßstraße aus
Architekturmuseum TU-Berlin, Inventarnr. F9220

Die Bauabschnitte 1–3 finden in den Jahren 1896 bis 1906 statt; der vierte Bauabschnitt beginnt erst nach dem Tod Messels und wird von dem Architekten Heinrich Schweitzer (1871–1953) betreut. Wertheim kennt Messel schon als Architekten seines Kaufhauses in der Oranienstraße, das nach französischem Bautypus mit horizontal gegliederter Front 1893 entworfen wird.

Kaufhaus Wertheim, Ansicht der Fassade zum Leipziger Platz
Ansicht der Fassade zum Leipziger Platz
Architekturmuseum TU-Berlin, Inventarnr. B3258041

Messel entwickelt die Architektur des Kaufhauses in der Leipziger Straße aus der Funktion des Gebäudes selbst heraus. So prägen z. B. die konstruktionsbedingten schmalen, an die Gotik angelehnten Pfeilerreihen der hohen Innenräume auch die Außenfassade.

Im Zentrum des Gebäudes entsteht ein 24 Meter hoher Lichthof.

Kaufhaus Wertheim, Innenansicht: Teppichsaal im 1. Stock
Innenansicht: Teppichsaal im 1. Stock
Architekturmuseum TU-Berlin, Inventarnr. ZFB 56.009

Die Innenausstattung genügt auch noch den höchsten Kundenerwartungen: Vergoldeter Reliefschmuck in den Verkaufsräumen, die Decken ruhen auf marmorverkleideten Säulen. Der „Kunst am Bau“ wird Rechnung getragen durch eine ca. sechs Meter hohe Plastik der „Arbeit“ von Ludwig Manzel auf der repräsentativen Treppe in die oberen Verkaufsetagen.
Monumentale Fresken eines antiken Hafens von Max Koch und eines modernen Hafens von Fritz Gehrke schmücken Wandflächen. Nach mehreren Erweiterungen verfügt das Kaufhaus 1927 über eine Nutzfläche von 106 000 Quadratmetern.

Kaufhaus Wertheim, Innenansicht: Halle an der Voßstraße
Innenansicht: Halle an der Voßstraße
Architekturmuseum TU-Berlin, Inventarnr. ZFB 56.009

Auf den Grundstücken Voßstraße 24 bis 32, auf denen bisher Adelsvillen stehen, entsteht nach deren Abriss die Anlieferungszone für das neue Kaufhaus. Damit war der von Bismarck gewünschte Status dieser Straße als Straße des Regierungsviertels endgültig verloren, sie war gerade gut genug für die Anlieferungszone eines Kaufhauses, das seinen Haupteingang am Leipziger Platz hatte. Der Versorgungsbereich grenzte direkt an das Reichsverkehrsministerium. Der Bau eines Kaufhauses in gerade dieser Straße demonstrierte erneut die Macht, die die Wirtschaft nun verkörpert.

Kaufhaus Wertheim, Ausschnitt aus dem Film „Die Voßstraße“
© Christoph Neubauer

Nach der Machtergreifung Hitlers wird das Unternehmen schrittweise „arisiert“, 1937 tritt Georg Wertheim aus dem Konzern aus. Das Unternehmen, nun vollständig „arisiert“, wird in Allgemeine Warenhandels-Gesellschaft (AWAG) umbenannt.

Ende Januar 1944 wird der Wertheim-Komplex zum Teil zerstört. Die im damaligen Ostsektor stehenden Wertheim-Gebäude werden nach 1945 enteignet, die Ruine 1955/56 abgerissen, um einen freien Grenzstreifen an der Sektorengrenze zu schaffen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Benz, Angelika: Wertheim: Das größte Warenhaus Europas, berlin.de
  • Demps, Laurenz (2010): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, 4. Auflage, Berlin, CH.Links
  • Fischer, Erica/Ladwig-Winters, Simone (2007): Wertheim – Geschichte eines Warenhauses Geschichte einer Familie, Reinbek, DNB
  • Ladwig-Winters, Simone (1997): Die Wertheims. Geschichte einer Familie, Reinbek, DNB
  • Neubauer, Christoph (2010): Stadtführer durch Hitlers Berlin. Gestern & Heute. Frankfurt (Oder), Atelier Neubauer

StandortLeipziger Platz 12
Architekt(en)
  • Alfred Messel
  • Heinrich Schweitzer
Erbaut
  • 1896–1897 (Leipziger Straße 132/133)
  • 1899–1900 (Leipziger Straße 134/135, Rückseite Voßstraße 31/32)
  • 1904–1906 (Leipziger Straße 136/137, Leipziger Platz 12, Rückseite Voßstraße 26-30)
Zustand
  • teilzerstört 1944
  • abgerissen 1955/56
Ensemble
  • Leipziger Platz
VorgängerAdelspalais der Voßstraße 24 bis 32
Nachfolger
  • Mauer mit Todesstreifen
  • Plattenbauten
  • Tresor (Techno-Club, März 1991 bis 16. April 2005)
  • Mall of Berlin (Einkaufszentrum)
AuftraggeberGeorg Wertheim