Hotel Adlon

Hotel Adlon
Das Hotel Adlon, Ecke Unter den Linden/Pariser Platz
Bundesarchiv, Bild 102-13848F / Fotograf: Unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0 DE

1906 wird das Grundstück Unter den Linden/Pariser Platz an den Geschäftsmann Lorenz Adlon verkauft, der seit 1889 am Rembrandt-Platz in Amsterdam sein erstes Hotel besitzt, das Mille Colonnes. In Berlin gehört ihm schon das Restaurant Hiller, Unter den Linden 55, mit seiner exklusiven französischen Gourmetküche. Nun muss das Palais Redern Platz machen für den Neubau eines Luxushotels und wird abgerissen. Protegiert durch Kaiser Wilhelm II., der der Meinung ist, Berlin fehle ein Hotel für gekrönte Häupter mit erlesenem Geschmack an herausragendem Ort, erhält Adlon die Baugenehmigung für sein Hotel. Proteste der Öffentlichkeit sind vergebens, obwohl das alte Palais unter Denkmalschutz steht.

Die Kehrseite des Luxus

Im Zuge der zunehmend schneller voranschreitenden Industrialisierung entstehen an anderen Orten Berlins Mietskasernen mit bis zu sechs Hinterhöfen, die die Klassengesellschaft widerspiegeln: Der Wohnraum nimmt mit jedem weiteren Hinterhof ab, ebenso die gesellschaftliche Stellung seiner Bewohner. Schon 1871 leben in den Kleinwohnungen (ein Zimmer mit Küche) im dritten bis sechsten Hinterhof „im amtlichen Durchschnitt 7,2 Menschen“ (Hegemann 1930, S. 19).

Ein klassizistischer Bau

Die Architekten Carl Gause (1851–1907, Gause stirbt noch vor der Eröffnung des Hotels) und Robert Leibnitz (1863–1929) errichten von 1906 bis 1907 den Neubau, der bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das international bekannteste Hotel der Stadt Berlin bleibt.

Adlon will sein neues Grundstück um das an der Ecke zur Wilhelmstraße erweitern, stößt jedoch auf massiven Widerstand der Konkurrenz. Die Besitzer des Hotels Bristol (das ebenfalls nach den Plänen Carl Gauses 1890/1901 an der Straße Unter den Linden 65, nach heutiger Nummerierung, gebaut wurde) kaufen das Gelände auf. So muss Adlon statt des günstig gelegenen Eckgrundstückes ein Grundstück an der Wilhelmstraße selbst erwerben. Das Luxushotel verfügt nun über viel weniger Zimmer mit Blick auf den Pariser Platz und die Straße Unter den Linden als vom Bauherrn geplant, da sich das Hotel nun in die Tiefe des Grundstücks erstrecken muss.

Die Berliner sind überrascht, als das neue Gebäude sichtbar wird. Lorenz Adlon hat sich keinen Palast, keinen repräsentativen Bau der Feudalarchitektur bauen lassen. Vielmehr entsteht ein fünfgeschossiger Mauerwerkbau mit Kupferdach und durchbrochenem Firstkamm und einer schlichten klassizistischen, von Walter Schott (1861–1938) gestalteten Fassade, die mit braun-grauem rheinischen Tuffstein verkleidet ist.

StandortUnter den Linden 1 (heute 77)
Architekt(en)
  • Carl Gause
  • Robert Leibnitz
Erbaut1906/07
Zustand
  • abgebrannt 1945
  • abgetragen bis auf einen Seitenflügel 1952
  • verbliebener Seitenflügel abgerissen 1984
Nutzer
  • Lorenz Adlon
  • Louis und Hedda Adlon
Ensemble
Vorgänger
NachfolgerHotel Adlon Kempinski
AuftraggeberLorenz Adlon

Sämtliche Abbildungen aus: Innendekoration, illustrierte kunstgewerbliche Zeitschrift Bd. XIX, Heft 1, 1908; Digitalisierung: Universität Heidelberg, Lizenz CC-BY-SA 3.0 DE

Vereinzelte Schmuckelemente mit Anleihen an den Jugendstil zieren das Gebäude, dessen Eingang mit seinen Pilastern und Bildwerken die Pracht im Inneren nur erahnen lässt. Im Vergleich zu den deutlich niedrigeren Gebäuden des Platzes wird seine Höhe durch zwei kräftig betonte Horizontalen optisch gemäßigt: die Brüstungen, die am Fuße des ersten wie vierten Obergeschosses um das Gebäude laufen. Das vierte Obergeschoss scheint schon zum Dach zu gehören. Neunzehn Medaillons mit tanzenden und musizierenden weiblichen Figuren bilden ein querlaufendes Band unterhalb der Fenster des dritten Obergeschosses. Das Erdgeschoss ist mit seiner Höhe von sechs Metern und seinen großen Fenstern gut vom Platz aus einzusehen. Wohl deshalb liegt der Boden des sich dort befindenden Speisesaals 80 Zentimeter über dem Straßenniveau.

Mit seiner Fassade passt sich das Hotel Adlon in seine Umgebung ein.

Das Hotel umfasst ein Straßenrestaurant, drei Hotel-Restaurants, Café, Lounge, Lobby, Bar, Rauchersalon, Bibliothek, Musiksalon, Wintergarten, Konferenzräume und einen großen Ballsaal. Nahezu alle Innenbereiche des Luxushotels sind im Stil des Neobarocks oder im Stil Louis XVI. gehalten. Die 305 Zimmer mit 400 Betten und 140 Bädern verfügen über Elektrizität und fließendes warmes Wasser. Die meisten Einrichtungsgegenstände stammen aus der Mainzer Möbelfirma Bembé, in der Lorenz Adlon einst Tischlerlehrling war.

Sämtliche Abbildungen aus: Innendekoration, illustrierte kunstgewerbliche Zeitschrift Bd. XIX, Heft 1, 1908; Digitalisierung: Universität Heidelberg, Lizenz CC-BY-SA 3.0 DE

Dienstleistung statt Dienstboten

Werden in früheren Jahrhunderten Hotels nur als reine „Übernachtungsmöglichkeit“ angesehen, änderte sich dies um 1900. Vor allem der Hochadel zieht im Winter ins Hotel Adlon – und verkauft seine zugigen Palais: Die Damen und Herren von Adel bevorzugen nun Dienstleistung statt Dienstboten. Das Hotel wird ein grandioser Erfolg.
Louis Adlon (18741945) übernimmt nach dem Tod des Vaters 1921 zusammen mit seiner Frau Hedda die Leitung des Hotels.

Neutrales Terrain

Das Adlon ist neutrales Terrain: Vertreter aller Nationen und Parteien können hier tagen und diskutieren – und zum Abschluss der Gespräche rauschende Feste feiern. Der Zar von Russland wohnt hier ebenso wie der Maharadscha von Patiala (damaliges Fürstentum im heutigen Indien); Walter Rathenau und Gustav Stresemann führen hier beim Tee Gespräche; ebenso Aristide Briant, 23maliger Minister und elfmaliger Regierungschef während der wechselvollen Zeit der Dritten Französischen Republik (1871–1940). Die Großindustriellen Henry Ford, John D. Rockefeller verhandeln und erholen sich hier.

Illustre Gäste

Hier verkehren Einstein, Sauerbruch, Strauß, Furtwängler und Karajan, Thomas Mann, Marlene Dietrich, Josephine Baker und Charlie Chaplin, der vor dem Hotel seine Hosen verliert, weil begeisterte Fans die Knöpfe abreißen. Auch Menschen, die erst noch prominent werden sollten, gibt es hier: Billy Wilder führt hier erste Interviews mit späteren Kollegen und Peter Frankenfeld trägt als Page deren Koffer.

Abgesang auf eine Legende

Doch nach 1933 bleiben die internationalen zahlungskräftigen Gäste, vor allem die Touristen aus den USA, aus. Louis Adlon hofft auf die neue Politprominenz der NSDAP, doch diese hat das Hotel Kaiserhof am Wilhelmplatz zu ihrem Standort auserkoren  mitten im alten und neuen Regierungsviertel untermauern und präsentieren die neuen Herrscher nun ihre Macht. Auch der Eintritt Adlons in die Partei 1940 hilft nichts.

Während des Zweiten Weltkrieges bleibt das Adlon unbeschädigt, es übersteht den Luftkrieg und die Schlacht um Berlin 1945. Für kurze Zeit wird das Hotel zum Lazarett. Doch nur kurze Zeit später brennt es während Plünderungen durch die russische Armee aus, nur Reste des hinteren Mittelflügels bleiben erhalten. Die Ruinen des Hotels werden, bis auf einen Seitenflügel, 1952 abgetragen.

Volkseigener Betrieb und Lehrlingsheim

Als volkseigener Betrieb, so will es die sowjetische Besatzungsmacht, soll das Hotel weitergeführt werden. Das von der HO der Deutschen Demokratischen Republik geführte „Hotel Adlon“ befindet sich im einstigen Wirtschaftstrakt des Luxushotels. Im DDR-Hotelführer taucht das Provisorium als Zwei-Sterne-Haus ganz am Ende der Liste auf.

Hedda Adlon sagt über ihr ehemaliges Hotel: „Was unter diesem Namen in Berlin noch steht, ist der notdürftig zusammengeflickte Rest einer Ruine, aus dem die Ostberliner Behörden eine Art von amtlichem Übernachtungsheim gemacht haben.“ (Grothe 2007)

Zu Beginn der 1970er Jahre wird aus dem Rest des ehemaligen Adlons ein Lehrlingswohnheim. 1984 entscheidet das Politbüro der SED, das Gebäude habe ausgedient und lässt die Reste abreißen.

QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE LITERATUR

  • ACADEMIC: Website
  • Cosmopolis (2005): Die Geschichte des Hotel Adlon, Website
  • Demps, Laurenz (1995), Der Pariser Platz; DNB
  • Solveig Grothe (2007): 100 Jahre Hotel Adlon. Deutschlands erste Adresse, Spiegel online, 21.10.2007, Website
  • Hegemann, Werner (1963): 1930 – Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt. Stadtbaugeschichte, Baupolitik. Vorw. v. Walter Benjamin, Birkhäuser, Verlag
  • Innendekoration, reich illustrierte kunstgewerbliche Zeitschrift für den gesamten inneren Aufbau: Das Hotel Adlon in Berlin, Darmstadt 1908, Heft 1, Uni Heidelberg