Gauhaus Voßstraße

Gauhaus / „Adolf-Hitler-Haus“

Ende der 1920er Jahre ist die Hedemannstraße ein Berliner Zentrum für Presse und Film. Sie beherbergt Zeitungen und Zeitschriften der unterschiedlichsten politischen Richtungen. Die Deutsche Filmschau sowie verschiedene Grafik-Betriebe sitzen im Haus Nummer 14. In Nummer 13 hat die Anzeigenabteilung der von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg als Publikation des Spartakusbundes gegründete „Rote Fahne“, nun Zentralorgan der KPD, ihre Büros. Das 1930 von Goebbels gegründete NS-Kampfblatt „Der Angriff“ hat in Nummer 10 seinen Redaktionssitz. Auch die Verwaltung des Hitler-Jugend-Gaus Berlin und die Gau-Rundfunkstelle sowie die NSDAP-Gauleitung Berlin sind hier ansässig.

Umzug ins Zentrum der Macht

Mitten im Wahlkampf zur Reichstagswahl am 6. November 1932 erfolgt der Umzug der Gauleitung von der Hedemannstraße nach Norden in das Areal der Voßstraße. Die Gauleitung der NSDAP Berlin/Brandenburg mietet sich in der Nummer 11, einem der alten Wohnhäuser, ein. In diesem Haus hat seit 1915 u. a. zuvor das von Karl August Lingner gegründete „Politisch-wissenschaftliche Archiv“ seinen Sitz, später von der „Nachrichten-Verkehrsgesellschaft mbH“ fortgeführt (vgl. Funke 2014, S. 45–47 und die Dokumentation im Lingner-Archiv).

Geschäftshaus, Berlin Hedemannstraße/Wilhelmstraße
Geschäftshaus, Berlin Hedemannstraße/Wilhelmstraße
Bildarchiv Foto Marburg

Hitler wohnt zu dieser Zeit schon im Hotel Kaiserhof und zeigt Präsenz. Der Auftrag zur Renovierung und Umgestaltung des Gebäudes fällt an Albert Speer; es ist sein erster Bauauftrag seitens der NSDAP. Jedoch fällt die von Speer geplante Modernisierung mangels finanzieller Möglichkeiten bescheiden aus. Am 1. Oktober 1932 wird das ehemalige großbürgerliche Wohnhaus zum „Adolf-Hitler-Haus“ geweiht: Goebbels ist im Regierungsviertel angekommen.

Gauhaus Voßstraße/„Adolf-Hitler-Haus“, Ausschnitt aus dem Film „Die Voßstraße“
© Christoph Neubauer

Bei den Wahlen zum Reichstag im Juli 1932 kann keine Regierung auf parlamentarischer Grundlage gebildet werden, obwohl die NSDAP hohe Zugewinne an Wählerstimmen hat. Auf Grundlage des Notverordnungsrechts des Reichspräsidenten regiert das Präsidialkabinett von Franz von Papen, bis seine Regierung im September desselben Jahres gestürzt wird und Neuwahlen bis spätestens 9. November ausgeschrieben werden sollen. Die NSDAP sinkt zu diesem Zeitpunkt in der Gunst der Wähler, deshalb ist es Goebbels wichtig, ein optisches Zeichen des Erfolgs mit dem Umzug zum Zentrum der Macht in Berlin zu setzen.

Die NSDAP büßt bei dieser Wahl zwei Millionen Stimmen ein, ihr Wahlergebnis sinkt von 37,3 Prozent auf 33,1 Prozent, ihr Aufstieg zur Macht scheint gestoppt. In seinem Tagebuch schreibt Goebbels von einer „Schlappe“.
Aber nur für kurze Zeit: Nach nur knapp dreimonatiger Regierungszeit Kurt von Schleichers (1882–1934), einem ehemaligen Vertrauten Paul von Hindenburgs, wird Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt.

Das Haus Voßstraße 11 wird 1937 an das Deutsche Reich verkauft und für den Neubau der Reichskanzlei abgerissen.

Ende der 1980er Jahre dehnt sich das DDR-Plattenbauten-Ensemble auch bis in die Voßstraße aus. Auf dem Gelände des ehemaligen Gauhauses steht nun ein Wohnhaus für die Prominenz der Deutschen Demokratischen Republik.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Demps, Laurenz (2010): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, 4. Auflage, Berlin, CH.Links
  • Funke, Ulf-Norbert (2014): Leben und Wirken von Karl August Lingner, Lingners Weg von Handlungsgehilfen zum Großindustriellen, Hamburg, Diplomica
  • Lingner-Archiv Archiv
  • Neubauer, Christoph (2010): Stadtführer durch Hitlers Berlin. Gestern & Heute. Frankfurt (Oder), Atelier Neubauer

Standort Voßstraße 1
Erbaut1873
Zustandabgerissen 1937
Nachfolger