Erweiterungsbau der Reichskanzlei oder auch Neue Reichskanzlei (1930)

Der Erweiterungsbau der Alten Reichskanzlei
Blick vom Wilhelmplatz auf den Erweiterungsbau der Reichskanzlei, rechts: das Denkmal des preußischen Feldmarschalls Jakob Keith
Bundesarchiv, Bild 146-2006-0097 / Fotograf: Kurt Breuer; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Ungeliebtes Erbe der Weimarer Republik

Während der Zeit der Weimarer Republik wird nur ein einziges Regierungsgebäude neu gebaut: Der Architekt Prof. Dr. Eduard Jobst Siedler (1880–1949) und sein Mitarbeiter Diplomingenieur Robert Kisch werden 1927 beauftragt, neue Büro-, Sitzungs- und Repräsentationsräume für den wachsenden Bedarf der Reichskanzlei zu schaffen.

Siedlers Entwurf bekommt zwar nur den zweiten Preis in einer Ausschreibung für den Neubau, doch da kein erster Preis vergeben wird, erhält er den Bauauftrag. Das Gebäude wird aufgrund seiner modernen Architektur zum umstrittensten Berlins. Seine Kritiker beklagen den architektonischen Stilbruch zu den historischen Gebäuden der Nachbarschaft. Die langjährige Lücke zwischen dem italienischen Neorenaissancebau des Borsigpalais und dem Reichskanzlerpalais wird durch einen sachlichen Neubau geschlossen, ein Zeichen der Moderne inmitten der Geschichte.

Der Entwurf Siedlers gilt einigen Historikern als modern und „fast schon revolutionär“ (Christoph Neubauer). Zu revolutionär für die Stadtverwaltung, die seinen Entwurf durch Auflagen und Beeinflussungen verändert und seine Radikalität damit stark verwässert?

Siedler kann seinen Entwurf also nur in abgeschwächter Form bauen. Das Grundkonzept aber kann er beibehalten. In der klar gegliederten mit Travertinplatten verkleideten Fassade dominierte ein Turm den Neubau. Auch wenn von der ursprünglichen Idee Siedlers, diesen Turm als eine Art Schiffsbrücke eines Hochseedampfers erscheinen zu lassen, durch die verlangten Veränderungen der Stadtverwaltung nicht viel übrig bleibt, so kann mit etwas Fantasie auch in der letztlich gebauten Version ein Schiff gesehen werden, das auf hoher See durch internationale Gewässer steuert.

Der Turm soll zum einen die Schiffsbrücke symbolisieren, weckt aber auch andere Assoziationen. Mit seiner Höhe von 24 Metern ist der Turm zwei Meter höher als die damals in Berlin erlaubte Traufhöhe von Gebäuden. Da seit der Einführung der maximalen Traufhöhe von 22 Metern Ende des 19. Jahrhunderts nur Sonderbauten eine Sondergenehmigung für eine Überhöhung erhalten, zeigt die neue Reichskanzlei bereits durch den hohen Turm, welche besondere Rolle das Bauwerk in der Stadt einnehmen soll.

Der Neubau hat einen von der Straße her nicht sichtbaren Ehrenhof, der einerseits durch die Tordurchfahrt in seiner Hauptfassade und andererseits durch die südliche Tordurchfahrt der Alten Reichskanzlei zugänglich ist. Nach außen hin wirkt der Bau schlicht und bescheiden jedoch liegt der offizielle Hauptzugang im Ehrenhof des U-förmigen Gebäudes. Dort zeigt auch ein natursteinverkleidetes Eingangsportal mit darüber angebrachtem Reichsadler den Staatsgästen an, dass sie hier kein einfaches Bürogebäude betreten.

Für die Innenausstattung fehlt der Reichskanzlei jedoch nach der Fertigstellung das Geld, da der Bau viel teurer wird als vorausgeplant. Es reicht gerade noch, um die wichtigsten Sitzungszimmer auszustatten. Für die anderen Räumlichkeiten fragt die Reichskanzlei bei den deutschen Ländern nach Möbelspenden. So ergibt sich im Inneren des Gebäudes teilweise ein Mix aus moderner Architektur und altmodischem Mobiliar.

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler bekommt das Gebäude einen neuen Hausherrn. Hitler hat viel Zeit sich in diesem Gebäude umzusehen, denn er nutzt nun nicht nur das Arbeitszimmer des Reichskanzlers am Wilhelmplatz, sondern bewohnt auch die Wohnung des Staatssekretärs in der obersten Etage. Die Reichskanzlerwohnung in der Alten Reichskanzlei ist durch Hindenburg belegt, der wegen der Renovierung seines Palais hier ein Ausweichqartier gefunden hat.

Hitler beschimpft den Bau als der deutschen Regierung unwürdig. In der von Hitler verhassten Weimarer Republik errichtet – einer Zeit der deutschen Geschichte, an die der neue Reichskanzler auf keinen Fall anknüpfen will –, repräsentiert für ihn das Gebäude keine architektonisch beerbbare Tradition.

Bereits während die Umbauten in der Alten Reichskanzlei laufen, baut Albert Speer die neue Reichskanzlei nach Hitlers Vorstellungen um. Es müssen neue Räume für die SS-Wachen geschaffen werden, die Hitler nun schützen sollen. Auch die Wehrmachtswache bekommt neue Räumlichkeiten in der Alten Reichskanzlei.

Ein neues Garagengebäude wird an der Hermann-Goering-Straße errichtet, da die SS-Wachen nun in den westlichen Garagen der neuen Reichskanzlei untergebracht werden.
Hitler bekommt ein neues Dienstarbeitszimmer im ehemaligen Roten Salon und der Staatssekretär im ehemaligen Kabinettsitzungssaal, der wiederum in den Kongressaal der Alten Reichskanzlei verlegt wird.

Da Hitler die Gleichschaltung der deutschen Länder befiehlt, entfällt auch der Grund einen Ländersitzungssaal zu unterhalten. Dieser wird von Albert Speer in einen Flur mit angrenzenden Büros für die Adjutantur aufgeteilt.

Der „Führerbalkon“ als Bühne

1933 präsentiert sich Hitler am Fenster seines Arbeitszimmers als neuer Hausherr der Öffentlichkeit und zeigt sich von da an immer wieder dort, um seine jubelnden Anhänger auf der Wilhelmstraße zu grüßen. Doch scheint ihm diese Bühne nicht angemessen genug zu sein, weshalb im Sommer 1935 durch Speer ein Balkon vor diese Fenster angebaut wird, der auf Ideen Hitlers basiert. Goebbels Propaganda datiert den für Hitlers Inszenierungen so wichtigen Balkon in das Jahr 1933 vor – in das Jahr der Machtübernahme. Auch Speer behauptet dies, sogar noch nach dem Krieg. Der Architekt des Erweiterungsbaus, Prof. Dr. Jobst Siedler, klagt auf Urheberrechtsverletzung, wird aber durch Zuteilung von Bauaufträgen ruhig gestellt.

Integration in die Neue Reichskanzlei

Die Autozufahrt zum neuen Ehrenhof soll jedoch vom Wilhelmplatz her zugänglich sein. Unter Verwendung von Baumaterialien des bisherigen Gebäudes wird ein neues Eingangsportal gestaltet, das den Proportionen des Erweiterungsbaus keineswegs entspricht. Schon der hinzugefügte „Führerbalkon“ beschädigt die Proportionen des Gebäude nachhaltig, das Einfügen der übergroßen Toreinfahrt zerstört die Linienführung vollständig. Die Bronzetüren geben der Reichskanzlei nun den martialischen Charakter eines Festungsbaues: wehrhaft und unüberwindlich von außen und beschützend nach innen.

Erweiterung Reichskanzlei, Ausschnitt aus dem Film „Die Reichskanzlei“
© Christoph Neubauer

Wo einstmals die Reichskanzlei stand, gähnt nach dem Krieg ein Loch in der Häuserfassade der Wilhelmstraße, sodass man vom Wilhelmplatz bis zur Siegessäule blicken kann.

Alte Reichskanzlei Trümmerbeseitigung am Wilhelmplatz Berlin
Trümmerbeseitigung am Wilhelmplatz Berlin
Bundesarchiv, Bild 183-M1204-320 / Fotograf: Otto Donath; Lizenz CC-BY-SA 3

Seit den 1980er Jahren stehen auch auf diesem Gelände Plattenbauten der ehemaligen DDR. Nicht exakt auf demselben Platz, denn die Wilhelmstraße wurde verbreitert, um den neuen Plattenbauten Raum zu verschaffen. Sie wurden ca. 15 Meter hinter die einstige Bebauung zurückgesetzt errichtet.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Demps, Laurenz (2010): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, Berlin, CH.Links
  • Engel, Helmut; Ribbe, Wolfgang (1997): Geschichtsmeile Wilhelmstraße, Berlin, BWV
  • Nachama, Andreas (Hrsg.) (2012): Die Wilhelmstraße 1933–1945 – Aufstieg und Untergang des NS-Regierungsviertels, Stiftung Topographie des Terrors, 2012, Stiftung
  • Neubauer, Christoph (2008): Die Reichskanzlei, Atelier Neubauer, Website
  • Neubauer, Christoph (2010): Stadtführer durch Hitlers Berlin. Gestern & Heute. Frankfurt (Oder), Atelier Neubauer
  • Neubauer, Christoph (2014): Die Reichskanzlei-Architektur der Macht / Band 1 (1733-1875, Großschönau Verlag
  • Vossische Zeitung (19.01.1927): Erweiterungsbau der Reichskanzlei. Veranstaltung eines Preisausschreibens, Link
  • Wilderotter, Hans (1998): Alltag der Macht, Berlin DNB

Standort Wilhelmstraße 93
Architekt(en)
  • Eduard Jobst Siedler
  • Robert Kisch
Erbaut1928–1930
Zustandabgerissen 1950
Ensemble
NachfolgerDDR-Plattenbauten