DDR-Plattenbauten

DDR-Plattenbauten, Blick nach Osten, 2017 abgerissener Block an der Kreuzung Wilhelmstraße/Behrenstraße, links das Mahnmal, in der Mitte im Vordergrund „In den Ministergärten“ mit den Niederlassungen der Landesvertretungen
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Vom Plan eines innerstädtischen Ensembles zum Torso eines Wohnkomplexes

Das Gebiet der ursprünglich als Ensemble geplanten DDR-Plattenbauten überlappt im Übergang vom Westareal ins Ostareal etliche gegenwärtige und historische Ensembles: z. B. die heutigen Landesvertretungen in den Ministergärten, das Reichskanzlei-Ensemble der NS-Zeit, den historischen Wilhelmplatz.

Beschluss des Ministerrates der DDR

Der Ministerrat der DDR fasst 1984 den Beschluss, dass die Gestaltung und Bebauung der Innenstadt der Hauptstadt der DDR, Berlin, bis 1989 abzuschließen sei. Das Gebiet im Windschatten des Todesstreifens in Mitte liegt im Bereich der Nord-Süd-Ausdehnung, die die Friedrichstraße von der Wilhelm-Pieck-Straße (seit Juli 1994 „Torstraße“) bis zur Leipziger Straße umfasst. Zwischen den Grenzanlagen des ehemaligen Pariser Platzes und des verwüsteten Potsdamer Platzes soll ein zeitgemäßer Wohnungsbau entstehen: ein neues Ensemble aus hochwertigen Plattenbauten, mit Platz für Handel, Gastronomie und Dienstleistung in den Erdgeschossen – und mit Grünflächen als wohnungsnahen Erholungsgebieten für die Bewohner.

Laut „Grundlinie zur städtebaulich-architektonischen Gestaltung der Hauptstadt der DDR Berlin“ heißt es 1982, dass „Neubauwohnkomplexe (…) die Funktion des Wohnens im Stadtzentrum (betonen) und (…) wesentlich den Massenaufbau in diesem Bereich (beeinflussen).“ Für die Wohnbereiche im Zentrum wird als Gestaltungsgrundsatz formuliert: „Im Stadtzentrum ist, in Einheit mit der Erhaltung und Modernisierung vorhandener Wohnbauten, weiterer Wohnungsneubau einzuordnen. Schwerpunkt des Wohnungsbaus im Stadtzentrum sind die Bereiche Leipziger Straße, Friedrichstraße, Otto-Grotewohl-Straße, Rathausstraße, Wilhelm-Pieck-Straße und Brückenstraße. Insbesondere in den stark frequentierten, öffentlichen Bereichen des Zentrums ist der Wohnungsneubau mit gesellschaftlichen Einrichtungen (Handel, Gastronomie, Dienstleistung) zu unterlagern.“

Der Plan

DDR Plattenbauten in Berlin
DDR-Plattenbauten in Berlin- Mitte, Blick nach Nordwesten
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Das Büro für Städtebau plant 1985 in enger Abstimmung mit der Generalbaudirektion Berlin die Errichtung des Wohngebietes Otto-Grotewohl-Straße (Bezeichnung der Wilhelmstraße zu DDR-Zeiten). Zunächst ist eine Bebauung im Westareal vorgesehen, die von der Behrenstraße bis zur Leipziger Straße reichen soll. 1985 bis 1987 erfolgt die Gesamtplanung als Wohnraum und innerstädtisches Zentrum im historischen Zentrum mit Fokus auf Friedrichstraße, Otto-Grotewohl-Straße und Wilhelm-Pieck-Straße. 1986 beginnt die Tiefenenttrümmerung zur Aufbereitung des Baugrundes. Baubeginn mit den im Plattenwerk Grünau vorgefertigten Platten ist 1987. 1988 können die ersten Wohnungen übergeben werden.

Die geplante neue Verkehrsverbindung von der Otto-Grotewohl-Straße zur Leipziger Straße mit Blickachse zur Akademie der Wissenschaften wird bis zur Voßstraße ausgeführt. Zusätzlich werden Stichstraßen in Richtung Westen in den Achsen der Französischen Straße und Behrenstraße angelegt.

Die Otto-Grotewohl-Straße wird in ihrer Breite um 22 Meter erweitert und zur großzügigen „Promenade“ mit doppelter Baumreihe vor den Häusern, ein Novum in der bisher traditionell baumlosen Straße. Die Bäume dürfen jedoch nur 14 Meter hoch werden – der Überblick über Gelände und Bewohner muss gewahrt werden.

Helmut Stingl, der Architekt dieses nach der Stalinallee zweitgrößten zusammenhängenden Wohngebietes mit fast 1000 Wohnungen entwirft die Wohnanlage unter dem Eindruck, dass es sich bei dem zu bebauenden Gelände nicht um irgendein Gelände handle, sondern dass mit dem Wohnungsbau eine völlige Umfunktionierung stattfinde.

Helmut Stingl: Vision und Realität

Wohnkomplexe an der Wilhelmstraße, Plattenbau in Bildmitte 2017 abgerissen
Wohnkomplexe an der Wilhelmstraße, der Plattenbau in Bildmitte wurde 2017 abgerissen
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Stingl entwirft keine geschlossenen Quartiere (Blocks) mit Innen- und Außenbereichen, sondern ein Gesamtensemble, das mit seiner einheitlichen Traufhöhe von 24 Metern die Beziehung zu den vorhandenen historischen Räumen berücksichtigen und sich zu den Freiräumen hin öffnen soll. Der Charakter dieses Gesamtensembles soll durch die einheitliche Qualität und Gestaltung der neuen Gebäude geprägt sein. Zum ersten Mal bestimmen die städtebaulichen Prämissen den Entwurf und die Vorfertigung der Plattenbauelemente – zuvor waren die Erzeugnisse der Vorfertigung für die städtebauliche Entwicklung maßgeblich. Ein Hauch von Postmoderne scheint über die Fassaden mit ihren Erkern und auch mal über Eck angelegten Ladenflächen zu wehen.

Eingang zu einer Geschäftsfläche in den Plattenbauten
Eingang zu einer Geschäftsfläche in den Plattenbauten
© Marlen Wagner

Doch Helmut Stingl hat mit politisch motivierten Vorgaben zu kämpfen: Treppenförmig angelegte Geschosse mit Terrassen sind nicht möglich, Fenster in Treppenhäusern müssen Milchglasscheiben erhalten: Spätere Einblicke aus dem und Ausblicke zum Westen der Stadt werden so schon in der Planungsphase vereitelt.

Durchgang zur Freifläche
© Marlen Wagner

Im Bereich der ehemaligen Ministergärten soll eine 4,6 ha große Parkanlage geschaffen werden. Ecke Otto-Grotewohl-Straße/Thälmannplatz (heute Wilhelmstraße/Zietenplatz) entsteht eine Schule in Plattenbauweise und eine Kindertagesstätte. Für Pkw-Stellflächen wird entlang der Straße und am nördlichen Rand des Geländes gesorgt, damit die rückwärtigen Parkanlagen autofrei bleiben. Zu erreichen sind die öffentlichen Freiflächen und die Parkanlagen über Gebäudedurchgänge.

Plattenbau, Fenster (Beispiel)
© Marlen Wagner

Das Ende der DDR: Städtebauliche Konsequenzen

Die Fertigstellung des Teilensembles 1990 erlebt die DDR als Staat kaum noch – die Bewältigung der Baufolgen bleibt dem wiedervereinigten Deutschland überlassen. Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands ändert sich die Lage dieses Areals entscheidend. Ehemals am Rand der „Hauptstadt der DDR“ gelegen, findet es sich erneut in der Mitte Berlins wieder. Diese Veränderung hat auch weitreichende Konsequenzen für das erst teilweise fertig gestellt Plattenbau-Ensemble in und um die Otto-Grotewohl-Straße, die ab 1993 wieder „Wilhelmstraße“ heißt.

Plattenbauten an der Wilhelmstraße, Fassade
Plattenbauten an der Wilhelmstraße, Fassade
© Marlen Wagner

Die „Edel-Platten“– von Berlinerinnen und Berlinern so genannt sowohl wegen der Bewohnung durch Privilegierte und Verdiente des DDR-Systems, als auch wegen der fortschrittlicheren Plattenbautechnik – sind ein später Versuch der DDR, das Todesstreifengelände zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz städtebaulich aufzuwerten. Faktisch kommt jedoch das von Stingl geplante Ensemble nie zustande.

Was folgt, ist eine 25-jährige Geschichte, in der politisch um eine DDR-Altlast gerungen wird, derer der Berliner Senat sich zunächst schnell zu entledigen sucht. Teile des Gebäudekomplexes im Ostareal werden 2016 abgerissen. Weitere Abrisse folgen im Jahr 2017.

Nostalgie, Traditionswahrung oder Neubeginn

Das sogenannte „Ensemble“ bildet heute als Gebäudekomplex das architektonisch und stadtplanerisch hoch umstrittene Zentrum des Gesamtareals Wilhelmstraße. Freiflächen, die zum Ensembleplan gehörten, sind inzwischen als Teil anderer Ensembles neu genutzt und anders bebaut: Die Landesvertretungen in den Ministergärten und das Denkmal für die ermordeten Juden Europas sind hier die prominentesten Beispiele. Heutige politische Stimmen insbesondere der SED-Nachfolgeorganisationen plädieren aber für die Erhaltung eines Plattenbauten-„Ensembles“. Tatsächlich findet sich aber lediglich der fragmentarische Rumpf eines „Neubau-Wohnkomplexes“.

An dieser Geschichte eines „Ensembles“ zeigt sich, dass Bauwerkerhaltung immer auch etwas mit Traditionskontinuität und Traditionsbruch zu tun hat. Wobei sich die Frage stellt, ob die Wahrung einer DDR-Tradition, die nicht nur in Mauerbau, Todesstreifen und Edelplatten versteinerte, durch Bauwerkerhaltung kulturell, politisch und wirtschaftlich wünschenswert ist. Für den Palast der Republik wurde diese Frage klar beantwortet. Für die Entwicklung des Areals der Wilhelmstraße steht ein politischer und gesellschaftlicher Konsens aus.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Plattenbau. Forum für Architektur, Website
  • Planungsgruppe WERKSTADT Stadtplaner und Architekten Boxhagener Straße 16 (2016): STÄDTEBAULICHE EXPERTISE zur Prüfung der Schutzwürdigkeit der städtebaulichen Eigenart als Voraussetzung für den Erlass der Verordnung gem. § 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Baugesetzbuch (BauGB) für das Gebiet Wilhelmstraße Auftraggeber: Bezirksamt Mitte von Berlin Abt. Stadtentwicklung, Bauen, Wirtschaft und Ordnung Fachbereich Stadtplanung Müllerstraße 146 Berlin, PDF
  • Reich, Anja (2012): Der Schönheitsfehler, Die Geschichte der Wilhelmstraße, in: Berliner Zeitung, 16.11.2012, Berliner Zeitung
  • Richter, Peter (2006): Der Plattenbau als Krisengebiet. Die architektonische und politische Transformation industriell errichteter Wohngebäude aus der DDR am Beispiel der Stadt Leinefelde. Dissertation zur Erlangung der Würde des Doktors der Philosophie der Universität Hamburg, PDF
  • Tscheschner, Dorothea (2001): Statt Ehrenhof Kindertagesstätte. Helmut Stingl, der Schöpfer Marzahns und der Wilhelmstraße, ist gestorben. Bauen ohne große Worte, in: Berliner Zeitung, 13.01.2001, Berliner Zeitung