Borsigpalais

Palais Borsig, Berlin 1875-77
Palais Borsig, Ecke Wilhelmstraße/Voßstraße
Bundesarchiv, Bild 183-H0115-0500-001 / Fotograf: Unbekannt; Lizenz CC-BY-SA 3.0

Nach dem Abriss des Palais Voß und der Zerteilung des großen Voß-Grundstücks, entstehen an der 1871 angelegten Voßstraße neue Stadtpalais. Das Borsigpalais ist eines davon.

Orientiert an der Palastarchitektur der italienischen Hochrenaissance

Palais Borsig, Berlin 1875-77
Palais Borsig, Berlin 1875-77
© Bildarchiv Foto Marburg

Das Borsigpalais Ecke Wilhelmstraße/Voßstraße mit seinem Eingangsbereich in der Voßstraße wird 1877 vom Direktor der Berliner Bauakademie, dem Architekten Richard Lucae (1829–1877), im Auftrag des Fabrikanten und Kommerzienrates Albert von Borsig (1829–1878) als neues Berliner Wohnhaus für Borsig entworfen. Lucae orientiert sich mit seinem Entwurf an der Palastarchitektur der italienischen Hochrenaissance. Albert von Borsig verstirbt kurz nach der Fertigstellung seines Palais, und es ist zweifelhaft, ob die Familie das Gebäude jemals bewohnt hat. 1887 wird es an die Preußische Pfandbrief-Bank verkauft und als Bankgebäude genutzt.

Im Frühling 1933 zieht Franz von Papen, der Vizekanzler Hitlers, hier ein. Nach dem erzwungenen Rücktritt von Papens wird es 1934 von der neuen Regierung gekauft. Nach dem sogenannten Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934 will Hitler die SA-Führung in unmittelbarer räumlicher Nähe zu sich wissen.

Umbau zum Hauptquartier für den Stab der SA

Der Architekt Albert Speer wird schon einige Tage vor den Morden an Röhm, anderen SA-Angehörigen und einigen Zivilisten beauftragt, das Borsigpalais zum neuen Hauptquartier für den Stab der SA umzubauen. Prädestiniert für gerade diesen Auftrag ist Speer wohl auch deshalb, weil er keine Fragen stellt – auch nicht, als er bei der Begehung des Gebäudes auf die Blutlache eines der Mitarbeiter Papens stößt, der dort am 30. Juni erschossen wurde.

Palais Borsig, Ausschnitt aus dem Film „Die Voßstraße“
© Christoph Neubauer

Das Borsigpalais ist eines der wenigen Gebäude am Wilhelmplatz, dessen Architektur Hitlers Zustimmung findet. Es mag durchaus sein, dass die großzügige Unterstützung der Familie Borsig auf Hitlers Weg zur Macht hier eine Rolle spielt. Die Fassaden des Palais bleiben auch bei dem teils drastischen inneren Umbau durch Albert Speer 1934 unverändert erhalten. Einzig der Eingangsbereich wird durch Speer angehoben und ist fortan durch eine Treppe zugänglich. Das Palais selbst wird 1938/39 in den Neubau der Neuen Reichskanzlei integriert. Nicht nur die Führung der SA zieht in das Gebäude ein – als Hitler nach Hindenburgs Tod auch das Amt des Reichspräsidenten übernimmt wird es ab November 1934 zum Sitz der Präsidialkanzlei.

Im Zweiten Weltkrieg wird das Palais stark beschädigt und zusammen mit den Bauten der Alten und Neuen Reichskanzlei nach Kriegsende abgerissen.

Seit Ende 1980 befinden sich auf seinem Gelände acht- bis neungeschossige DDR-Plattenbau-Wohnblocks und Parkplätze.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Demps, Laurenz (2010): Berlin-Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht, 4. Auflage, Berlin, CH.Links
  • Engel, Helmut; Ribbe, Wolfgang (1997): Geschichtsmeile Wilhelmstraße, Berlin, BWV
  • Luisenstädtischer Bildungsverein, Stichwort Palais Borsig, Luise
  • Nachama, Andreas (Hrsg.) (2012): Die Wilhelmstraße 1933–1945 – Aufstieg und Untergang des NS-Regierungsviertels, Stiftung Topographie des Terrors, 2012, Stiftung
  • Neubauer, Christoph (2008): Die Reichskanzlei, Atelier Neubauer, Website
  • Neubauer, Christoph (2010): Stadtführer durch Hitlers Berlin. Gestern & Heute. Frankfurt (Oder), Atelier Neubauer
  • Neubauer, Christoph (2011): Der Wilhelmplatz. Atelier Neubauer, Website
  • Neubauer, Christoph (2014): Die Reichskanzlei-Architektur der Macht / Band 1 (1733-1875, Großschönau, Verlag
  • Schönberger, Angela (1978): Die neue Reichskanzlei von Albert Speer. Zum Zusammenhang von nationalsozialistischer Ideologie und Architektur, Berlin (Zugleich: Berlin, Freie Universität, Dissertation, 1978), DNB
  • Wilderotter, Hans (1998): Alltag der Macht, Berlin, DNB

StandortVoßstraße 1, ab 1939 Voßstraße 2
Architekt(en)Richard Lucae
Erbaut1877
ZustandAbgerissen 1949
Nutzer
  • Preußische Pfandbrief-Bank
  • Franz von Papen
  • Stab der SA
  • Präsidial-Kanzlei
Ensemble
VorgängerPalais Voß (ehemals Palais Marschall)
NachfolgerDDR-Plattenbauten
AuftraggeberAlbert von Borsig