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Mittwoch, 22. November 2017
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Die Areale der Wilhelmstraße im Berliner Regierungsviertel

Wie jeder historisch bedeutsame Ort kennt auch das Regierungsviertel rund um die Wilhelmstraße in der Mitte Berlins einen stetigen Wandel. Die „Lebenszeiten“ von Bauwerken und Gebäudeensembles bezeugen dies. Und auch für die Nutzer und Bewohner bedeutet Stadtentwicklung ein Leben mit Veränderungen. Umbenennungen finden immer wieder statt, nicht nur für die Straße, die zunächst „Husarenstraße“ heißt, dann „Wilhelmstraße“, dann „Otto-Grotewohl-Straße“ und seit 1993 wieder „Wilhelmstraße“.

Hausnummern und Straßenzüge ändern sich, ganze Bereiche verschwinden und werden neu gegliedert. NS-Zeit und Krieg, DDR-Zeit mit Mauerbau und Todesstreifen hinterlassen Verwüstungen und führen zu drastischen baulichen Eingriffen in Baubestände. Lokalisierungen fallen selbst Historikern deshalb oft nicht leicht.

Eine Verortung von Bauwerken, Gebäudekomplexen und Ensembles (inkl. Freiflächen, Straßen und Plätzen) in vier Teilarealen (N, O, S und W) erleichtert die Orientierung und die Beschreibung des Gesamtareals der Wilhelmstraße aus heutiger Sicht. Viele Berlin-Besucherinnen und -besucher sind an der Geschichte der Wilhelmstraße interessiert. Aber sie finden Parkplätze, wo einst Gärten mit Bunkeranlagen waren – oder lediglich eine Straßenkreuzung, wo Wilhelm- und Zietenplatz als Ensemble historisch bedeutsamer Gebäude als Versammlungsort diente.

Die Teilareale im Norden, Osten, Süden und Westen des Gebiets der Wilhelmstraße wurden und werden in der Architektur- und Stadtentwicklungsdiskussion teils isoliert betrachtet, teils im Zusammenhang gesehen. Die Unterscheidung ist hilfreich für die Lokalisierung und Portraitierung der Ensembles und Bauwerke und ermöglicht Beschreibungen der Arealveränderungen.

Die Bezirksregion Regierungsviertel (siehe anschließende Karte) wurde vom Bezirksamt Mitte von Berlin in Planungsräume aufgeteilt. Im Fokus dieser Portalseite steht insbesondere der „Planungsraum Wilhelmstraße“, sowie ein Teil der Planungsräume „Unter den Linden Nord und Süd“ und der südliche an den Bezirk Mitte angrenzende kreuzberger Teil der Wilhelmstraße. Das so entstehende Gesamtareal Wilhelmstraße wird zur besseren Orientierung in in die Teilareale N, O, S und W unterteilt.

Bezirksregion Regierungsviertel Berlin-Mitte mit Planungsraumgrenzen, -nummern und -namen. Gelb markiert das Nord-, Ost-, Süd- und Westareal des Gebietes Wilhelmstraße in der Gliederung des Portals.
Bezirksregion Regierungsviertel Berlin-Mitte mit Planungsraumgrenzen, -nummern und -namen. Gelb markiert das Nord-, Ost-, Süd- und Westareal des Gebietes Wilhelmstraße in der Gliederung des Portals.

Die Bezirksregion Regierungsviertel gliedert sich in die vier Planungsräume Unter den Linden Nord, Unter den Linden Süd, Wilhelmstraße und Leipziger Straße. Die Bezirksregion wird im Norden durch den Spreebogen begrenzt und hat eine Größe von etwa 269 ha.

Im Süden der Bezirksregion befindet sich der nördliche Teil der, ab 1688 rasterförmig angelegten, Friedrichstadt. Während die barocke Friedrichstadt nach dem Krieg größtenteils unter Beachtung der historischen Blockstruktur wiederaufgebaut wurde, prägen das Bild der Museumsinsel im Nordosten der Bezirksregion repräsentative Solitärbauten. Ebenfalls im Norden liegt die Dorotheenstadt, ein historisches Stadtviertel, welches vor allem durch das Brandenburger Tor, den Pariser Platz, Berliner Dom und den Boulevard Unter den Linden bekannt ist.

Das Gebiet um die Wilhelmstraße gehört zum städtebaulichen Entwicklungsgebiet „Hauptstadt Berlin – Parlaments- und Regierungsviertel“. In den ehemaligen Ministergärten wurden zahlreiche Ländervertretungen der Bundesrepublik und das Holocaustmahnmal errichtet, während entlang der westlichen Wilhelmstraße bis zur Voßstraße die letzten zu DDR-Zeiten errichteten Wohnhäuser in Plattenbauweise dominieren. Östlich der Wilhelmstraße und südlich der Leipziger Straße sind weitere Bundesministerien und andere regierungsnahe Nutzungen angesiedelt.

Die Wilhelmstraße entwickelt sich zu einem Areal, in dem feudale Ansprüche und bürgerliche Interessen konkurrieren. Regieren, Handel treiben und repräsentatives Wohnen bestimmen die Stadtentwicklung und die Architektur der Bauwerke. In dieser Zeit wachsen Bauwerke, Straßen und Plätze zu Ensembles zusammen. Diese werden in späteren Epochen bewusst bewahrt. Oder aber sie werden verändert, zerstört und in neue Ensembles verwandelt.

Berlin Wilhelmstraße Stadtplan 1798
Berlin, Stadtplan 1798, Ausschnitt
Illustrator: Sotzmann, Daniel Friedrich
Erschienen: Berlin: Sotzmann, 1798
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011
Maßstab: 1:19 500
URN, Public Domain / gemeinfrei
Grundriss von Berlin, 1846, Ausschnitt
Grundriss von Berlin 1846, Ausschnitt
Verfasser: Selter, Jean Chretien
Berlin: Schropp, 1846
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011
Maßstab: 1:5 800
URN, Public Domain / gemeinfrei
Berlin Wilhelmstraße Stadtplan 1863
Neuester Bebauungs-Plan von Berlin, 1863
Berlin: Schropp, 1863
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011
Maßstab: 1:12 500
URN, Public Domain / gemeinfrei
Berlin, Stadtplan 1900
Großer Verkehrs-Plan von Berlin mit seinen Vororten 1900, Ausschnitt
Verfasser: Maraun, Wilhelm

Berlin: Liebel, 1900

Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011

Maßstab: 1:13 500

URN, Public Domain / gemeinfrei
Silva-Stadtplan Berlin, 1937
Silva-Stadtplan Berlin 1937, Ausschnitt
Erschienen: Berlin: A. Holz, 1937
URN, Public Domain / gemeinfrei

Während der Zeit des Nationalsozialismus vollzieht sich unter der Direktive Adolf Hitlers und Albert Speers rund um den Wilhelmplatz, insbesondere aber im Westareal der Wilhelmstraße ein radikaler baulicher Wandel. Der politische Wille wird wie in der Neuen Reichskanzlei Stein – und vielfältige Bunkeranlagen bereiten die Berliner Mitte auf den kommenden Krieg vor. Mit den Zerstörungen beginnt auch eine Neuordnung der Areale.

Der Wiederaufbau und eine mögliche homogene Stadtentwicklung werden durch die Teilung Berlins unmöglich. Bautätigkeiten und Ensemblebildungen werden insbesondere durch den Mauerbau und seine Schneise des Todesstreifens und Niemandslandes bestimmt. Aus dem Blickwinkel der DDR wird West-Berlin als „terrain vague“ insgesamt zum Niemandsland. Stadtpläne dokumentieren dies durch weiße Flecken.

Bis zum Untergang der DDR wird an Wohnkonzepten für Privilegierte und Verdiente des Regimes festgehalten. Sie nehmen als Bauwerke in sogenannten „Edelplatten-Ensembles“ Form an.

Berlin, Stadtplan 1947
Stadtplan Berlin 1947, Ausschnitt
Editor: Schwarz, Richard
Erschienen: Berlin: Schwarz, [1947]
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011
Maßstab: 1:25 000
URN, Public Domain / gemeinfrei
Berlin, Stadtplan 1960
Strassenübersichtsplan von Berlin 1960, ohne Aussenbezirke mit Namenverzeichnis, Ausschnitt
Erschienen: Berlin: Landkartenverl., [1960]
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011
Maßstab: 1:25 000
URN, Rechte vorbehalten
Berlin, Stadtplan 1978
Übersichtskarte Berlin, 1978, Ausschnitt
Berlin: Schwarz, 1978
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011
Maßstab: 1:50 000 / 1:300 000
URN, Public Domain / gemeinfrei
Berlin, Stadtplan 1985
Berlin (West) : Übersichtskarte 1985, Ausschnitt
Berlin: Inst. für Angewandte Geodäsie, 1985
Digitalisierung:
Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2011
1:50 000
URN, Public Domain / gemeinfrei
Niemandsland Berlin-West
Berliner Ansichten: eine kartografische Zeitreise, 2003, Kalenderblatt Dezember, Topografische Karte 1:200 000
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2003

Typische Darstellung West-Berlins in der Kartenproduktion der DDR: Ein weißer Fleck wie auf einer Karte, die erst nach 1988 hergestellt wurde. Bei Ost-Berliner Stadtplänen wird der Kartenausschnitt meist so gewählt, dass West-Berlin überhaupt nicht ins Blickfeld gerät, wie das Beispiel für den November zeigt.

Berlin – Hauptstadt der DDR – Touristischer Plan, 1978
Berliner Ansichten: eine kartografische Zeitreise, 2003, Kalenderblatt November
Digitalisierung: Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2003

Diese 1978 hergestellte Karte zeigt die wichtigsten Gebäude und touristischen Punkte aus der Vogelschau. Manches existiert heute nicht mehr (z. B. Außenministerium oder Ahornblatt), vieles hat sich verändert.

Insbesondere im Westareal der Wilhelmstraße wird durch den Bau der Landesvertretungen die Arealentwicklung im Zuge einer zukunftsträchtigen Stadtentwicklung betrieben. Auf dem Gelände der ehemaligen Ministergärten, das durch viele Veränderungen in den Epochen der Geschichte Berlins charakterisiert ist, entsteht ein neues Gebäudeensemble.

Leipziger und Potsdamer Platz im Südareal werden neu gebaut und zu Zentren der Wirtschaft und des Handels.

Im Nordareal erhält die Straße „Unter den Linden“ wieder ihre Funktion als Verbindungsachse zwischen Ost und West, der Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor wird als städtebauliches Ensemble rekonstruiert.

An der Schnittstelle von Ost- und Westareal fällt die Gesamtarealentwicklung bis zur Gegenwart dem Versuch zum Opfer, die Rudimente eines einstmals geplanten DDR-Plattenbauten-Ensembles zu konservieren. Selbst von dessen Gebäudekomplex ist aber nur noch ein Torso übrig.